"Ladies Night" im Kostümverleih - einmal eine andere sein

Vorher, nachher: Mit roten Wangen ist Ina im Wald aus 9000 Kleidern verloren gegangen, hier in der Abteilung „Empire“.
Vorher, nachher: Mit roten Wangen ist Ina im Wald aus 9000 Kleidern verloren gegangen, hier in der Abteilung „Empire“.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Ein Dortmunder Kostümverleih lädt zur Ladies Night - nicht nur im Karneval. Von den 9000 Kleidern darf jedes an- und ausprobiert werden.

Dortmund.. Heute Nacht geht Bärbel in Barock. Rosenrot! Oder, wie man ein paar Jahrhunderte später wohl sagt: so pink wie das Telefon, mit dem man sie nun fotografiert in ihren wallenden Röcken. Dabei ist Bärbel mitnichten ein barockes Weib. Eine schlanke Frau von 54 Jahren, die in einem ein Mädchen geblieben ist wie so viele: Sie liebt es, sich zu verkleiden. Was wäre, wenn ich nicht die wäre, die ich bin?

In Dortmund haben sie 9000 Gewand gewordene Antworten auf diese alte Rio-Reiser-Frage und einen Ort, an dem Frauen glänzende Augen kriegen wie Kinder unterm Weihnachtsbaum: Für die „Ladies Night“ im Kostümverleih Sommer wird die Tür von innen abgesperrt, und drinnen ist „alles erlaubt“. Sagt Inhaber Kai-Friedrich Fischer. Der alle zwei, drei Wochen amüsiert zusieht, wie sich seine Kundinnen zwischen Kleiderstangen und Regalen verlieren. Und sogar den Sekt am Eingang vergessen.

„Wie kam so’n Heini bloß aufs Pferd?“

Dabei ist Fischer ehrlich bemüht. Tausende Kostüme wollen erklärt werden, 600 Quadratmeter dafür durchschritten, es geht von Krönchen über Kuhmaulschuhe zu den Röcken der Marketenderin. „Hier sind die Damen aus dem Mittelalter, hier geht es über Barock und Biedermeier zu ,Vom Winde verweht’.“ Rhett Butler! Clark Gable! Es schaukeln die Garderobenhaken, es klirren die Kettenhosen, aber das war noch früher: „Wie kam so’n Heini bloß aufs Pferd?“ Gleich dahinter liegen Rom und Ägypten, „falls jemand die Kleopatra machen möchte“, bei den Pickelhauben aber sind die Frauen sichtlich raus. Und mit beiden Armen zwischen den Bügeln.

Ach, man könnte jetzt Mary Poppins sein oder Peter Pan, Pippi oder Prinzessin Leia – aber herrje, Verena ist das winzige Kostüm zu eng. Es warten Kosaken und Legionäre, Gorilla, Gondoliere oder griechischer Soldat. Bereit liegen Elvis-Anzüge und Hasenköpfe, das Reisekostüm von Kate Winslet aus dem Film „Titanic“, das Kleid von Napoleons Josephine und von ihm selbst der Dreispitz, der endlich „erklärt, warum der Franzose so klein war: Er passte sonst durch keine Tür“. Und es gibt noch mehr politisch Unkorrektes: etwa den Sarotti-Mohren.

Das? Oder doch lieber dies?

Nur merkt das zwischen Raum 4 und 5 schon keiner mehr, lange vor den Harlekinen hat Fischer sein Publikum verloren, keine Frau läuft ihm mehr nach. Denn er hat ja auch diesen Satz gesagt: „Sie dürfen alles ausprobieren.“ Ina ist im „Empire“ verschwunden, Napoleons Zeiten also, knisternd liegen Stoffe und Schleppen auf ihren Armen, „das oder lieber dies“? Mit klappernden Bügeln eilen aufgeregte Damen anfangs noch hinter schützende Gardinen, Minuten später ist der ganze Verleih eine einzige riesige Umkleidekabine. Kleider türmen sich auf dem Boden, achtlos ab- und weggelegt hängen sie von Stuhllehnen, Taft raschelt über Jeans, in der Hektik nicht einmal ausgezogen. „Eigentlich“, seufzt Birgit Münz kopfschüttelnd, „fangen wir ja immer vorne an.“

In Tüll und Taft gehüllt

Dabei bringt sie so schnell eigentlich nichts aus dem Konzept, Münz arbeitet seit 1979 bei Sommer. Jetzt holt sie Diademe und Hüte, schnürt Korsagen, bindet Unterröcke. Und achtet auf den korrekten Sitz von Hüftpolstern. Herrliche Zeiten, in denen man die mit dem bloßen Lösen einer Schleife wieder ablegen konnte! Dabei wollen auch Ina, Verena, Bärbel in den Epochen, in die sie gerade eintauchen, lieber nicht mehr leben. Aber einmal so aussehen wie einst! Und die Kleider sind ja seitdem gewaschen.

In Tüll und Taft hüllen sich die Frauen, je üppiger, je doller, nur das Zimmer mit den gewöhnlichen Karnevalskostümen bleibt ungenutzt. „Von lustigen Sachen sind sie meist nicht zu überzeugen“, weiß Birgit Münz. Arielle oder Goldmarie sind das Höchste der Gefühle. „Die Frauen wollen alle schön sein.“ Einmal Prinzessin, auch wenn Prinzen nicht zugegen sind.

Ist ja Ladies Night. „Wann“, fragt Ina, „zieht man sowas sonst schon mal an?“

  • Wegen des großen Andrangs lädt der Kostümverleih Sommer inzwischen bis zu zweimal im Monat zur „Ladies Night“. 25 Euro kostet der Abend pro Person, inklusive Sekt, Häppchen und professioneller Erinnerungsfotos auf CD. Freie Plätze gibt es allerdings erst wieder im April. Auf Wunsch werden für Gruppen, etwa Junggesellinnen-Abschiede, eigene Termine vereinbart. www.kostuemverleih-sommer.de, Tel. 0231– 52 50 24