Kunstvolle Holzschnitte - Starke Frauen und ein Spätzünder

Es geht um das Weibliche in der Ausstellung „Starke Frauen" im Schloss Moyland (Imm Bild: Ernst Ludwig Kirchner, Liegendes nacktes Mädchen mit Katze).
Es geht um das Weibliche in der Ausstellung „Starke Frauen" im Schloss Moyland (Imm Bild: Ernst Ludwig Kirchner, Liegendes nacktes Mädchen mit Katze).
Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland
Was wir bereits wissen
Museum Schloss Moyland beeindruckt mit Beuys-Zeichnungen, Skulpturen und Holzschnitte, das Klever Kurhaus mit Ewald Matarés „Berliner Jahren“

Kleve/Moyland.. Wer immer den Holzschnitt zum Inbegriff der unzulässigen Vergröberung gestempelt hat, wurde auf der Art Cologne jüngst eines Besseren belehrt: 1,6 Millionen Schweizer Franken verlangte man dort für einen einzigen Farbholzchnitt von Ernst Ludwig Kirchner.

Neue Hochachtung vor diesem ausdrucksstarken Kunst-Druckverfahren lässt sich derzeit allerdings auch am Niederrhein gewinnen. Hier sind geben gleich zwei Museen Holzschnitte aus der letzten Hochblüte dieser Drucktechnik im Expressionismus zum Staunen frei: Das Museum Schloss Moyland zeigt sie in der aktuellen Ausstellung „Starke Frauen“, im Klever Kurhaus wenige Kilometer weiter sind die Holzschnitte die erste eigenständige Künstler-Regung des Bildhauers Ewald Mataré, dessen „Berliner Jahre“ von 1907 bis 1932 dort genauer unter die Lupe genommen werden.

In Moyland markieren Expressionisten-Holzschnitte ein neues Frauenbild: Klein, aber grandios: Kirchners „Badende“, die Männern hinterherstarren. Ebenso ausgezogen wie anzüglich: Eugen Sturm-Skrlas gleichberechtigtes „Paar“. Großartig karikiert: Max Beckmanns „Tanzende“, bei denen er triumphierend grinst, während ihre Miene verrät, dass ihr der Zweck die Mittel heiligt.

Lehmbruck-Museum Auf dem Rücken von Elch und Hirsch

Das war die Abkehr vom Frauenbild, das unter dem „ewig Weiblichen“ Klischees zwischen Hure und Heiliger verstand. Manche geronnen zu antiken Bilderzählungen wie Max Klingers „Amor und Psyche“-Radierungen, andere zu Susannas im Bade mit vollen Brüsten oder sündhaft blickenden „Meerweibern“. Von einer leidenschaftlichen Verschmelzung zweier Menschen erzählt dagegen Peter Behrens’ Jugendstil-„Kuss“. Doch erst mit den Expressionisten zeigten die Frauen-Bilder echte Menschen, sie durften leidenschaftlich werden, dämonische, ja hässliche Züge annehmen und sich den Begierden hingeben.

All dies gibt in Moyland den Kontrast zu den Frauen-Zeichnungen von Joseph Beuys, die Mitte bis Ende der 50er-Jahre entstanden. Geschätzt werden sie ja nicht nur von Beuys-Kennern, sondern auch von manchen Verächtern seiner Theorien, Aktionen und Installationen.

In Moyland sind es etwa 30 filigrane Studien auf meist grobem Papier, ausgeführt mit blassen Wasserfarben, Beize oder Bleistift ausgeführt. Die Frauenfiguren, geprägt von geburtsfördernder Hüft- und Beckenstärke, kommen eher als prähistorisch wirkende Symbole der Erdverbundenheit daher, selbst wenn sie mal elegant bis lasziv auf den Rücken von Elchen oder Hirschen liegen. Skizzen von Beuys’ Schüler Norbert Tadeusz zeigen das Interesse am weiblichen Individuum, Klingers Skulptur „Badendes Mädchen, sich im Wasser spiegelnd“ (1898) die Gier nach realitätsnaher Perfektion.

Holzschnitte auf Wangerooge

In ähnlicher Manier bewegt sich zur gleichen Zeit der aus Aachen stammende und ab 1907 in Berlin studierende Ewald Mataré auf dem Feld der Zeichnung: „Männer und Frauen in Berlin“ zeigt Menschen vom Bierkutscher bis zum Buchhalter, von der Dienstbotin bis zur großen Dame. All das ist schulmäßig brav ausgeführt, doch zu eigenem Ausdruck findet Mataré erst nach dem Ersten Weltkrieg. Er malt Aquarelle mit expressionistischem Schwung, er nimmt im Urlaub auf Wangerooge Küchenmesser zur Hand und macht aus Treibgut rabiate, ausdrucksstarke Holzschnitte, binnen kurzem über 100 an der Zahl. Zwei Jahre später, nun nebenan auf Spiekeroog, sind am Strand nicht mehr genügend flache Brette; da beginnt Mataré mit Holzskulpturen.

Aber bis ins Jahr 1934, da ist er 47, wird er sich noch Maler nennen. Erst als es bei der Errichtung seines Weltkriegs-Mahnmals „Der tote Krieger“ in Kleve Schwierigkeiten gibt, firmiert er offiziell als Bildhauer. Da hat er längst viele jener Kühe geschaffen, die man so gern berühren möchte, weil Mataré sie mit so viel Hingabe poliert. In Kleve führen sie ebenso in Versuchung wie die vielleicht noch schöneren Holzskulpturen, die organisch aus dem Material mit all seinen Schäden herauswuchsen.