Kunst mit Mehrwertsteuer auf der Art Cologne

Ein Besucher betrachtet die Installation „mitten" der Künstlerin Katharina Hinsberg (Galerie Edith Wahlandt).
Ein Besucher betrachtet die Installation „mitten" der Künstlerin Katharina Hinsberg (Galerie Edith Wahlandt).
Die 47. Art Cologne ist los – und Köln zurück in der Weltliga der Kunstmessen. Bis Sonntagabend noch konkurrieren über 200 Galerien aus 25 Ländern um Gunst und Geld der Sammler. Ein Kirchner-Gemälde wird für 3,75 Millionen angeboten.

Köln.. „Mehrwertsteuer inklusive“ oder „aber: brutto“ – das sind jetzt die häufigsten Worte in den Kölner Messehallen. Selten gaben Galeristen auf der „Art Cologne“ ihre Preise für Gemälde, Fotos und Skulpturen so kantenscharf an wie in diesem Jahr. Bis Sonntagabend noch konkurrieren über 200 Galerien aus 25 Ländern um Gunst und Geld der Sammler. Und die strömen wieder, um zwischen den traditionell preiswertesten Werken, den Postkarten der Galerie Klaus Staeck, und dem rekordverdächtigen „Straßenbild vor dem Friseurladen“ von Ernst-Ludwig Kirchner, das bei Henze & Ketterer für 3,75 Millionen Euro im Angebot ist.

Immerhin: für Bilder wie dieses gilt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent – bei Fotografien wie dem abstrakten, vor Spektralfarben aber glühenden „Substrat“ (80 000 Euro netto) von Thomas Ruff hingegen sind 19 Prozent fällig; die vier schwarz-weißen Wassertürme seiner Lehrer Bernd und Hilla Becher gibt es, ebenfalls bei der Galerie Konrad Fischer, zum gleichen Preis (aber + Mwst.).

Art Cologne erwartet mehr als 60.000 Besucher

Wer Sammler ist, für den besteht die Welt in Köln in diesen Tagen aus lauter freundlichen Menschen, aus lächelnden Männern im extraschicken Anzug, aus charmesprühenden Frauen im kleinen Schwarzen oder sonst einem kurzen Kleid. Manche Sammler genießen den Trubel so sehr, dass sie erst etliche Tage nach der Messe zur käuflichen Tat schreiten.

Es ist wohl auch die Hoffnung auf bleibende Werte, die in der Eurokrise Kundschaft nach Köln lockt. Daniel Hug, Enkel der Bauhaus-Ikone László Moholy-Nagy und seit 2008 Chef der Art Cologne, hat das Ruder jedenfalls endgültig herumgerissen. Nachdem das 21. Jahrhundert für die „Mutter aller Kunstmessen“ mit einem Niedergang begonnen hatte, strahlt die gute alte Art Cologne wieder neben (und nur noch ein bisschen hinter) Welt-Messen wie der Art Basel und der Frieze Fair in London. Letztes Jahr kamen 60 000 Besucher, jetzt hofft man auf eine weitere Steigerung – zumal „wir die hohe Qualität des Vorjahres noch einmal steigern konnten“, tönt ein stolzer Daniel Hug.

Auch jüngere Kunst stark vertreten

Und wer dann doch nicht über die rund 200 000 Euro verfügt, die man für kleinere Arbeiten des nach wie vor teuersten lebenden Künstlers Gerhard Richter mitbringen muss (Schönwald Fine Arts), mag zum Träumen auf die Art Cologne kommen: Wie wär’s mit einem traumschön aquarellierten „Segler auf dem roten Meer“ von Emil Nolde, einem späten Max Ernst in Öl oder einer frühen Zeichnung von Paul Klee (Schwarzer)?

Man kann sich allerdings auch den Spektakeln der jüngeren Kunst hingeben. Den stillen wie Katharina Hinsbergs Installation „mitten“ aus 630 roten Kügelchen, die jeweils zu siebt an Fäden von der Decke hängen und einen fulminanten Raumeindruck hinterlassen (Wahlandt). Oder den lauten wie Vik Muniz’ mannsgroßes Obama-Porträt aus Zeitschriftenporträts des US-Präsidenten (Brown).

Überhaupt: Politik ist nicht verboten auf der Art Cologne, eine Landkartenvision vom Einwanderungsland USA lässt Mexiko direkt an Kanada grenzen, und aus der Madrider Galerie von Helga de Alvear kommen Fotos des umstrittenen Santiago Serra, der gerade erst per Video einen Trauerzug für spanische Politiker inszeniert und damit Furore gemacht hat.

Bleiben – oder schlendern?

Apropos Video: Gleich am Eingang der Messe wartet ein Kabinett aus dunklen Räumen auf Besucher. Hier zeigt die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek, deren Privatmuseum in einer alten Fabrik des Nobel-Stadtteils Oberkassel über 500 Videokunstwerke beherbergt, derart viele Glanzstücke aus ihrem „Who is Who“ der aktuellen Kunstszene, dass sie etliche Besucher damit in ernste Entscheidungsnöte bringen wird: Bleiben – oder über die Messe schlendern?

Art Cologne, Messeplatz 1, Köln. Hallen 11.2 und 11.3. 19.-21. April: 12-20 Uhr; 22. April: 12-18 Uhr.

Tageskarte: 25 Euro, erm. 20 Euro. 2-Tage-Karte 35 Euro. Abendkarte (ab 17 Uhr): 20 Euro. Katalog: 30 Euro. Per Bahn Messe/Köln Deutz über den Eingang Süd zu erreichen. Alle Eintrittskarten gelten als Fahrkarte im Verkehrsverbund Rhein-Sieg. www.artcologne.de

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