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„Kulturlogen“ geben ärmeren Menschen einen Platz im Theater

22.03.2013 | 17:44 Uhr
„Kulturlogen“ geben ärmeren Menschen einen Platz im Theater
Großes Theater in Dortmund: Alexander Geller nutzt die Kulturloge. Sein schönstes Weihnachtsgeschenk waren zwei Karten für „La Bohème“.Foto: Jakob Studnar

Essen.  Die „Tafeln“ sind das große Vorbild. Und weil ein leerer Theatersessel so traurig ist wie ein weggeworfenes Brot, setzt sich die „Kulturloge Ruhr“ für Menschen mit wenig Geld ein. Wer Hartz IV. empfängt, darf mit Hilfe der Loge kostenlos zu großer „Aida“ oder deftigem Kabarett. Ehrenamtler schultern das Projekt.

Thomas Weber hat die Situation noch vor Augen: „Man ging zur Theaterkasse, legte klammheimlich seinen Berechtigungsnachweis vor und fragte „Geht da was?“ Oft ging nichts, manchmal gingen 20 Prozent runter. Immer noch zu teuer für einen, der viel für Kultur übrig hat, bloß Geld eben nicht.

Für Menschen wie Thomas Weber hat man die Kulturloge erfunden. Sie ist eine Tafel fürs Theater, eine Speisung, in der es Sinfoniekonzerte als Hauptgericht gibt.

In immer mehr Großstädten entstehen „Kulturlogen“

„Ein leerer Theatersessel“, sagt Marc Grandmontagne, „ist doch mindestens so traurig wie ein Brot, das weggeworfen wird.“ Grandmontagne ist einer von über 40 Ehrenamtlern, die solche Plätze systematisch füllen: mit Menschen, die Kulturhunger haben, aber magere Barschaft. In deutschen Großstädten und Ballungsgebieten öffnen immer mehr Kulturlogen den Vorhang allen, für die im restlichen Leben kein Rampenlicht strahlt.

Info
So funktioniert die Kulturloge
  • Kulturpartner stellen der Kulturloge Plätze zur Verfügung, die sie absehbar nicht verkaufen
  • Als „Gäste“ akzeptiert werden Menschen mit geringem Einkommen, etwa Sozialhilfeempfänger, BAföG-Empfänger.
  • Die Idee stammt von der Journalistin Christine Krauskopf.
  • Sitz der Kulturloge: Kunsthaus Essen, Rübezahlstr. 33, 0201 / 171 955 90, Montag, Mittwoch, Freitag 16-20h. www.kulturloge-ruhr.de

Thomas Weber (Name geändert) zum Beispiel. Er war früher bei IBM, dann selbstständig. Es ging schief. Ein Berg Schulden und eine Herzkrankheit änderten sein Leben. Früher hat er gern Karten fürs Konzert gekauft. „Und plötzlich ist alles anders. Wenn man selbstständig war, gibt es ja kein Arbeitslosengeld, man ist Hartz IV vom ersten Tag an.“ An Kultur zu kommen, irgendwie, das hieß nun: „seinen Berechtigungsausweis vorzeigen und möglichst nicht erkannt werden“.

Die Kulturloge will das Gegenteil. Keine Peinlichkeit, kein Warten auf Übriggebliebenes. „Augenhöhe ist der Schlüssel“, sagt Grandmontagne. Und natürlich nennen sie ihre Klienten „Gäste“. Wer die Kriterien erfüllt, wer „bedürftig“ ist, kann per Telefon oder PC Favoriten angeben. Theater und Konzertveranstalter machen Karten locker. Die Kulturloge verteilt. Außer Strom und Werbemitteln hat sie wenig Kosten.

„Die Besuche, die füllen das Leben aus!“

„Kulturloge klingt irgendwo edel“, sagt Thomas Weber. Rockkonzerte und einen „wunderbaren Don Carlos“ im Aalto verdankt er ihr. Er fährt nach Langendreer ins Kabarett, in die Kaue Gelsenkirchen, zu Brahms in Mülheims Stadthalle. Von Hartz wäre das nicht zu machen. Man lebt eben doch nicht vom Brot allein: „Die Besuche, die füllen das Leben aus!“

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Gratis Platz nehmen – in der Loge

Bundesweit gibt es sie bereits mehrfach, nun ist auch Gelsenkirchen dabei. Als Partner der Kulturloge Ruhr gibt es jetzt für Menschen mit großem Interesse an Kultur und zu kleinem Geldbeutel Gratiskarten für Plätze, die sonst frei blieben.

„Ein Großteil unserer Gäste ist einfach arm geworden“, erklärt Marc Grandmontagne. Er sieht aus der Nähe, wie rasch man die Schicht wechselt: Für einen Selbstständigen, der mit 58 einen Bandscheibenvorfall hat und nicht gut versichert ist, kann das schnell gehen. Altersarmut ist ein anderer Faktor. Menschen, „denen das Leben weggebrochen ist. Selbstverständlich haben die früher ganz normal für Kultur bezahlt.“

„Diese Stimmen! Herrlich!“

Alexander Geller treffen wir im „Trovatore“ der Oper Dortmund. Herr Geller ist ein höflicher Mann. „Ein bisschen modern, die Inszenierung“, sagt er und wiegt den Kopf, „aber diese Stimmen! Herrlich!“ Alexander Geller ist 77. Er kommt aus einem Land, in dem man für Kultur Schlange steht. Er erzählt von Moskau, wo die Menschen sich eine Nacht um die Ohren hauen, um eine Karte fürs Bolschoi zu ergattern. Herr Geller hat in der Ukraine gelebt, war Dozent für Werkstoffkunde, später Professor. Es gibt kein Gesetz in der Ukraine, das gestattet, ihm seine Rente nach Deutschland auszuzahlen.

Umgekehrt hat er hier keine Ansprüche erarbeitet. Jetzt bekommt er „Grundsicherung im Alter“. Für Alexander Geller ist die Kulturloge ein Segen. Theater, Oper, Klassik – wie jeder Logengast darf er jemanden mitbringen. Es ist immer seine Frau: Lydia. Am zweiten Weihnachtsfeiertag war er mit ihr in Dortmund, man gab Puccinis „Bohème“: „Das war das schönste Weihnachtsgeschenk!“

8000 Karten seit Gründung vergeben

Nicht jeder tut sich leicht, es anzunehmen. Manche sind fast misstrauisch. Wirklich kostenlos, ohne Gegenleistung? „Wenn man über Jahre nichts Gutes erlebt hat, ist das vielleicht so“, sagt Grandmontagne. Am Interesse ändert das nichts. Seit dem Auftakt 2011 hat die Kulturloge Ruhr 8000 Karten vergeben.

Helfer sind willkommen, gut organisiert sollen sie sein, auf Menschen zugehen können. Grandmontagne schwärmt von der pensionierten Gesamtschulrektorin, die in Gelsenkirchen mustergültig im Team die Loge managt. Karten spendiert fast jede Institution. Oberhausens Kurzfilmtage, Gelsenkirchens Musiktheater, Mülheims Theater an der Ruhr, Dortmunds Oper, Kleinkunst vom Fletch Bizzel bis zur Kleinstädterbühne Sterkrade. Und dann noch Zollverein, Revuepalast, Lehmbruck, Flottmann, Mondpalast...

„Man macht es im Umfeld ja nicht publik.“

Thomas Weber kennt viele Logenplätze. Dass aber seine Nachbarn im Parkett ihn und seine Geschichte nicht kennen, das tut ihm gut. „Man macht es im Umfeld ja nicht publik“, sagt Weber und spricht aus, was Grandmontagne seinen Gästen wünscht: „Drei, vier Stunden, in denen sie vor allem eines sein können: völlig normal.“

Lars von der Gönna


Kommentare
24.03.2013
18:15
„Kulturlogen“ geben ärmeren Menschen einen Platz im Theater
von Mittendrinnen | #2

nichts gegen die Kulturloge, aber: es ist der falsche Weg, die Menschen erst auszusperren, um sie dann von privaten Gönnern abhängig zu machen. Der Richtige Weg wäre freier Eintritt für Hartzer.

Ich bin selbst sog. "Kulturgast" und kann aus meiner Erfahrung sagen:

1. meistens sind die paar Karten schon vergeben.
2. Stadttheater, Oper etc. spenden NICHT (obwohl meist halbleer), entgegen dem was hier suggeriert werden soll. Einzig letztes Jahr zu Weihnachten gabs mal ne Karte für laBoheme - wie nett...

2 Antworten
„Kulturlogen“ geben ärmeren Menschen einen Platz im Theater
von ferdi23 | #2-1

Noch konsequenter wäre es, das Wirtschafts- und Finanzsystem so um zugestallten, dass niemand auf der Welt arm sein muss.

„Kulturlogen“ geben ärmeren Menschen einen Platz im Theater
von LvdG | #2-2

Sehr geehrter Herr "Mittendrinnen",
Ihre Aussage, dass Stadttheater und Oper sich NICHT beteiligen, ist meiner Recherche nach unrichtig. Sowohl das Opernhaus Dortmund als auch das Musiktheater im Revier sowie mehrere andere Häuser stellen regelmäßig Plätze zur Verfügung. Dass es nicht 100 pro Abend sind, sollte nachvollziehbar sein.
Es handelt sich auch nicht, wie Sie schreiben, um "private Gönner", wie Sie es nennen - sondern vielfach um kommunale Einrichtungen, die sich beteiligen.

24.03.2013
11:33
„Kulturlogen“ geben ärmeren Menschen einen Platz im Theater
von Trendmonger | #1

Klasse Projekt! ;-)

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