Ruhr.2010
Kulturhauptstadt - Was soll das?
01.11.2009 | 14:33 Uhr 2009-11-01T14:33:00+0100
Essen. Das Kulturhauptstadtjahr steht fast vor der Tür, aber was soll das ganze überhaupt und wer soll das bezahlen? 13 Fragen, 13 Antworten. Was Sie schon immer über Ruhr.2010 wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten.
1. Was ist das eigentlich, Kulturhauptstadt?
Kein überflüssiges Trallafitti, sondern vor allem der Versuch, den Tourismus zu beleben. Im Ruhrgebiet geht es 2010 aber um mehr: Nachdem Kohle und Stahl die Region nicht mehr prägen, will sie ihr Image als Dreckschleuder der Nation loswerden.
2. Wie wurden wir Kulturhauptstadt?
Eine Jury der Europäischen Union hat uns 2006 aus neun deutschen Bewerbern ausgewählt. Dabei spielte die Industriekultur eine Rolle, ausschlaggebend war auch, dass im Ruhrgebiet Migration seit langem gelebt wird; es gibt hier 170 Nationen. Und es wurde positiv bewertet, dass alle 53 Städte dabei sein wollten, obwohl eine Region offiziell nicht Kulturhauptstadt sein kann. Die heißt deshalb korrekt: „Essen für das Ruhrgebiet”, nennt sich aber inzwischen „Ruhr.2010”.
3. Was kostet das Ganze?
65 Millionen Euro. Davon sind 48,5 Mio öffentliche Gelder: 1,5 Mio von der EU, 17 Mio vom Bund, 12 Mio vom Land NRW, 12 Mio vom Regionalverband Ruhr und 6 Mio vom Bannerträger Essen. Hauptsponsoren sind die Deutsche Bahn, Eon Ruhrgas, Haniel, RWE und die Sparkassen-Finanzgruppe.
4. Es gibt hier schon so viel Kultur – kann man das Geld nicht vernünftiger ausgeben?
Unvernünftig wäre es nur, das Geld, das die Politik zur Verfügung stellt, nicht zu nehmen. Die Städte haben vom Land zwei Euro pro Einwohner bekommen – in Bochum zum Beispiel leben 380 000 Menschen, macht 760 000 Euro für Projekte der Kulturhauptstadt. Denn das Geld ist natürlich zweckgebunden. Geld für Kultur auszugeben, ist im übrigen sehr vernünftig – wer an Kunst und Bildung teilhat, gewinnt Lebensfreude. Und Studien zeigen, dass Kunst die Kommunikation fördert und die Gewaltbereitschaft verringert.
5. Haben Orchester, Museen, Theater in der Region etwas von der Kulturhauptstadt?
Ja, schon deshalb, weil sie angefangen haben zu kooperieren. Bei einem Projekt, das den Komponisten Hans Werner Henze vorstellt, arbeiten 30 Institutionen zusammen, von der Konzertgesellschaft Gelsenkirchen bis zur Deutschen Oper am Rhein. Die „Odyssee Europa” führen sechs Theater gemeinsam auf und die Kunstmuseen planen Ausstellungsreisen. Ruhr.2010 weist nachdrücklich auf das reiche Angebot an Kunst und Kultur in der Region hin, und das ist gut so: Denn bisher fahren nur selten Theaterfreunde von Dortmund nach Mülheim oder von Bochum nach Essen, obwohl es dort überall großartiges Schauspiel gibt und die Wege kurz sind. Ähnliches gilt für die Konzerthäuser.
6. Wer macht das Programm der Kulturhauptstadt?
Dazu wurde eine Gesellschaft gegründet; Geschäftsführer sind der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen und der ehemalige Essener Kulturdezernent Oliver Scheytt. Sie haben die Künstler der Region aufgerufen, Ideen einzureichen – es kamen über 2000; 300 werden verwirklicht.
7. Was passiert mit Ideen, die nicht angenommen wurden?
Das ist ein Problem. Immerhin sind 1700 Ideen auf der Strecke geblieben, und das ärgert die Betroffenen. Die Städte, die einen Teil dieser Ideen übernehmen wollten, können das in der Finanzkrise meist nicht wahrmachen. Jetzt hat sich der gemeinnützige Verein „unprojekte 2010” gegründet, der abgelehnte, nicht eingereichte und neue Projekte vorstellt und Sponsoren sucht: www.unprojekte2010.de
8. Macht Ruhr.2010 nicht zu viel bunten Hokuspokus?
Nein. Das Programm hat von allem und für alle etwas: Breakdance für Jugendliche, stimmungsvolles Licht am Kanal, Vorlesen für Kinder, gemeinsames Singen, neue und alte Museen, Computerspiele, klassische Konzerte, einen Pop-Kongress.
9. Wie kann man an der Kulturhauptstadt teilnehmen?
Indem man hingeht. Wir stellen jeden Mittwoch und Samstag ein Projekt vor; wer will, kann die Berichte sammeln. Im Internet stehen sie unter www.derwesten.de/ruhr2010. Das komplette Programm gibt es bei www.ruhr2010.de.
10. Glaubt ernstlich jemand, wegen Ruhr.2010 gäbe es einen Besucheransturm?
Das Weltkulturerbe Zeche Zollverein fasziniert viele Hobby-Fotografen. Wenn sich herumspricht, dass es noch mehr großartige Industriekultur gibt, etwa im Landschaftspark Duisburg-Nord, werden auch dahin mehr Gäste kommen. Ruhr.2010 bietet Städtereisen an, zum Beispiel als Koppelung von Theater-, Musical- und Museumsbesuch.
11. Warum gibt die Wirtschaft Geld für Ruhr.2010?
Die Unternehmen wissen, dass sich das auszahlt. Ihr Ansehen wächst, und potenzielle Mitarbeiter sind eher bereit, in eine kulturell attraktive Gegend umzuziehen. Studien zeigen, dass Mitarbeiter stolz sind, wenn ihre Firma etwas für die Kultur tut.
12. Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise?
Schlimme. Sponsoren werden zurückhaltender, das spüren auch Kulturschaffende, die nicht direkt mit der Kulturhauptstadt vernetzt sind. Manches Unternehmen, das bisher eine örtliche Initiative mit 5000 Euro im Jahr unterstützt hat, beruft sich jetzt auf sein Engagement für Ruhr.2010. Das schafft Ärger.
13. Wird 2011 noch Geld für Kultur übrig sein, wenn 2010 so viel ausgegeben wird?
Es hat in der Kultur schon so viele Rückschläge gegeben, dass es blauäugig wäre, nicht damit zu rechnen. Im Moment ist es aber Spekulation. Wenn Ruhr.2010 ein Erfolg wird, sollte die Kultur dadurch größeres Ansehen bekommen – auch bei Ratsmitgliedern. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Stadttheater, das zum Gelingen von Ruhr.2010 beigetragen hat, anschließend kaputtgespart wird. Schwierig wird es, wenn 2010 der Region nicht zu einem neuen Image verhelfen sollte. Dann dürfte sich Resignation ausbreiten.
10:10
Die Redakteurin sollte sich endlich einmal hinter die Ohren schreiden, dass es im Ruhrgebiet 20 Kunstmuseen gibt, wie sie in ihrem Pro-Kommentat in der WAZ geschrieben hat, aber auch die dreifache Zahl anderer Museen. Die Kultur besteht nicht nur aus Kunst, vor allem nicht aus den in jede Stadt ewiggleichen Schmierereien zeitgenössischer Künstler, sondern auch aus Geschichte, Archäologie, Literatur, Philosophie, und sogar aus dem Leben der Menschen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass für Kunst immer soviel Geld übrig ist, um den Presseleuten ein gutes Gericht zu servieren, dass die WAZ alles andere, abgesehen von Theater und Orchester, nicht wahrnimmt.
09:10
Mag ja sein, daß durch diese Veranstaltung wirklich ein paar oberflächlich gestaltete Krawattenbesucher neue Ansichten über den Pott gewinnen.
Angesichts der massiven Kernprobleme (Schulen, KiTa´s, Schulden, Arbeitslosigkeit, etc) fällt mir aber ein alter Spruch ein:
Man kann Kot in Goldfolie packen. Sieht hübsch aus, BLEIBT im Kern aber Kot
Zudem ist das Ruhrgebiet seiner Kultur längst beraubt worden. Kohle, Stahl, ZUSAMMENHALT sind sowohl den altbekannten Manager-Egoismen, wie auch einer inzwischen bedenklichen Ghettoisierung ganzer Stadtteile gewichen.
Was würde passieren, wenn die Besucher nicht durch extra geschulte Propagandamäuschen, sondern durch die heimischen Bewohner dieser Region rumgeführt würden?
15:52
Ich frage mich bei etlichen Kommentaren zu zahlreichen Artikeln seit vielen, vielen Monaten, warum so viele Kommentatoren Ruhr.2010 Eliteveranstaltung von denen da oben, für Bonzen und Selbstbeweihräucherung der oberen 10.000 ansehen.
Noch nie gab es so viele Veranstaltungen u.ä. - für alle Bürger. Es gibt doch jetzt nicht nur ein Jahr Hochkultur mit Oper und ein paar Kunstaustellungen... für wen da nichts dabei ist (allein die Kurzfassung des Programmheftes hat fast 100 Seiten), der ist doch wirklich durch nichts zu begeistern. Dass einzelne Dinge diskussionswürdig sind (z.B. das elendige Projekt Parkautobahn oder dass viele die Fressmeile auf der A40 doof finden) ist doch völlig normal und dass nicht jeder mit allem was anfangen kann (kann vermutlich keiner) - aber an diesen paar seltsamen Großprojekten festzumachen, dass jetzt ein Jahr Sch**** gemacht und Geld verbrannt wird, ist doch vollkommen unreflektiert.
Das Problem an Ruhr.2010 ist nicht, dass man nichts zu bieten hat (hat die Region nämlich). Es ist auch nicht, dass das ganze zu teuer ist (ist es langfristig gesehen nämlich nicht). Das mögliche Problem, was der ganzen Sache anhängt ist ein ganz anderes, nämlich dass viele Bürger einfach nicht dahinter stehen. Die hoffen, dass das ganze bald vorbei ist und am besten noch ein ganz großer Flop wird, damit sie sagen können Hab ich ja gleich jesacht! und die vermutlich auch jedem Touristen der sie nach dem Weg fragt sagen würden Weiß ich doch nich und zu sehen gibbet hier eh nix.
Von denen gibt es sehr, sehr viele... hoffentlich kommen die im Laufe des Jahres auf den Trichter, dass 2010 eine Chance ist, die die Region nur einmal hat und dass man sie nutzen muss.
14:50
Diese meckere ist nichts neues. Schon vor mehr als 100 Jahren wurden viele Neuerungen erst einmal negativ gesehen. EinAuszug zum Bau des Eifelturm aus WikiMedia: Zunächst stieß der Eiffelturm auf Widerstand in der Pariser Bevölkerung, die ihn für einen Schandfleck hielt. Empörte Künstler nannten ihn „tragische Straßenlaterne“ und empfanden den „düsteren Fabrikschornstein“ als Entehrung der Stadt. In Künstler- und Literatenkreisen fanden Kampagnen statt, in deren Rahmen von mehreren Beteiligten unterzeichnete Flugblätter produziert wurden. Im Rest des Landes konnte man die Aufregung in der Hauptstadt größtenteils nicht nachvollziehen. Heute gilt der Eiffelturm allgemein als eines der schönsten Architekturbeispiele der Welt und Teile der Pariser Bevölkerung nennen ihn inzwischen die „eiserne Dame“.
14:31
Manche Kommentare sind fürchterlich uninspirierend und destruktiv. Wahrscheinlich von Leuten, die es in ihrem Leben zu nichts gebracht haben.
Hey, geht raus und bringt etwas zustande! Freut euch auf 2010, denn endlich kommt etwas Leben in diese tote Bude hier, genannt Ruhrgebiet!
16:28
WAZ war denn das für ein Artikel ? PR pur für eine Veranstaltung, die Gas- und Stromvervrbraucher teuer bezahlen und auch die nächsten Steuererhöhungen werden kommen.
Bonzen wollen unter sich feiern, der kleine Mannsolldafür zahlen.
Das Revier hat echte Probleme, um auf die Füße zu kommen. Da ist jeder Cent vlnnöten. Die Schule schimmeln undbröckeln vor sich hin, die Straßen sind Rumpelpisten; aber die Frackzträger genießen edle Konzuerte. Finanziert von den Strom- und Gaskunden und den vielen kleinen Steuerzahlern im Pott. Und die WAZ macht dazu PR.
So kann man wirklidch geld zum Fenster `rauswerfen.
Leute, wacht endlich auf. Diese Kulturhauptstadt ist eine gigantische Geldvernichtungsmaschinerei. Deswegenwerden nämlich auch die Strompreise wieder erhöht, aber das sdagt uns die WAZ und die Energiewirtschaft natürloch auch nicht.
15:43
#19
Was hat man von Kultur?
Fragen Sie sich, was Sie wollen, dann finden Sie etwas.
p.s.:
Kultur ist nicht nur Flachbildschirm und RTL2.
@all
laut neuster Ausgabe von ADAC-Motorwelt schreibt der amerikanische lonely planet - Germany keine 9 von über 800 Seiten über das Ruhrgebiet mit all seinen Städten. Da liegt selbst Hannover vor dem Ruhrgebiet als ganzem, von Berlin, München, Hamburg, Köln ganz zu schweigen.
Da sieht man ganz klar, welches Problem das Ruhrgebiet hat. Kulturhauptstadt als imagekampagne ist eine große Chance, über das wie kann man lange streiten, über das ob allerdings nicht.
19:10
Ja, essener78, alles ganz tolle Projekte. Quasi wie die Projektwoche an Deiner Schule, nur ne Nummer größer, nur mit noch mehr öffentlicher Kohle subventioniert, die eigentlich nicht da ist, noch mehr Folgekosten, die nie mehr reinkommen, noch mehr Schreihälse, die alle was vom Kuchen abhaben wollen.
Das, was das Ruhrgebiet ausmacht - um den Gedanken von #16 aufzugreifen, ist mit Sicherheit nicht der sterile und kaputtsanierte Zollverein oder ähnliche Orte, die nichts mehr von ihrer ursprünglichen Austrahlung zugunsten einer penetrierenden Vermarktungs-Kultur verkörpern.
Und das von der Ruhr2010-Seite mit Glück Auf! gegrüßt wird ist blanker Zynismus.
10:14
ich habe eine frage was hat man persönlich wonn dem Kulturhauptstadtjahr als BÜRGER IM RUHRGEBIET??????????????????????
07:01
Miesmacher gibt es überall. Die kritisieren inzwischen jeden guten Ansatz, den es gibt und denken nur noch negativ. Daher lässt mich das inzwischen kalt.
Ich freue mich auf das Kulturhauptstadtjahr. Ich freue mich auf die schönen Projekte, die Veranstaltungen, wo wir uns in der Welt Aufmerksamkeit erhalten können.