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Kultiviert

18.04.2008 | 16:36 Uhr

Unser Opa hat ein neues Hobby, dem er sich mit größter Leidenschaft widmet. Er bringt seiner ältesten Enkelin das Autofahren bei, das heißt, er versorgt sie mit praktischen Ratschlägen begleitend zum Fahrunterricht.

Ich habe dagegen immer noch nicht richtig verinnerlicht, wie kurz der Weg vom Bobbycar zum Führerschein ist. Und ich habe Ängste bei der Vorstellung, jemanden, den ich fürsorglich im Kinderwagen geschoben habe, auf Autobahnen und Landstraßen übermüdeten Brummipiloten und rücksichtslosen Möchtegern-Schumis auszusetzen. Der Opa traut unserer jungen Dame da weit mehr Selbstständigkeit zu.

Über den Erörterungen von Wendekreis und Einparken in drei Zügen gerät mein eigener Unfehlbarkeitsnimbus gehörig ins Wanken. Das Mädchen ist ehrgeizig und orientiert sich entsprechend auf der Leistungsskala nach oben. Also nicht an mir. Meine Fähigkeiten, besonders beim Rangieren, gelten im Familienkreis als eher bescheiden. Der Opa hingegen konnte in seiner besten Zeit einen Trecker mit zwei vollbeladenen, überbreiten und überhohen Heuanhängern rückwärts durch das enge Hoftor manövrieren, ohne dass auch nur ein Halm gekrümmt wurde.

Überhaupt spielen sich die Unterweisungen in großer Eintracht ab. Konfliktpotenzial scheint die dritte Generation genetisch zu verschonen. Denn ich weiß noch allzugut, dass bei meinem Bruder und mir Tipps wie "Guck in den Rückspiegel" oder "Schlag weiter ein" zu wütenden Debatten über Bevormundung und elterlichen Kontrollwahn geführt haben. Nicht ein einziges Mal bin ich dagegen bisher Zeugin geworden, dass sich Großeltern und Enkelinnen in Sachen Mode, Ansichten oder Lebensführung in die Haare geraten wären.

Bei Kindeskindern nimmt man die Dinge offenbar eher locker. Ich erinnere mich genau, wie der Opa kurz nach der Geburt der künftigen Wagenlenkerin stabile Haken in die Balken der Wohnzimmerdecke schraubte und daran eine Babyschaukel befestigte. Uns war es seinerzeit bei Strafe verboten, die gute Stube außer an hohen Feiertagen zu betreten.

Der Opa freut sich schon auf den ersten Ausflug, wenn er auf dem Beifahrersitz neben der frischgebackenen Führerscheinbesitzerin thront. Und wir vermuten, dass seine Träume weiterreichen. Bis zu jenem Tag, wo er die Ochsenhaken und die Babyschaukel wieder vom Speicher holen kann, um das erste Urenkelchen zu wiegen.

Von Monika Willer

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