Kristine Bilkau schreibt über die Ängste der Mittelschicht

Autorin Kristine Bilkau beleuchtet in ihrem Debüt „Die Glücklichen“ das Leben der Mittelschicht.
Autorin Kristine Bilkau beleuchtet in ihrem Debüt „Die Glücklichen“ das Leben der Mittelschicht.
Foto: Luchterhand Verlag
Was wir bereits wissen
Eine Cellistin und ein Journalist: Autorin Kristine Bilkau erzählt in dem Paar-Roman „Die Glücklichen“ von den Ängsten der Mittelschicht.

Essen.. Das Einkaufen im Bioladen kann ein rebellischer Akt sein. Getrocknete Wildfeigen, Rosenkandis und Maronenaufstrich: Isabell weigert sich, Georgs Spardiktat zu folgen, auch wenn er am Morgen die neuen Bio-Nusscreme ignorieren wird und die Marmelade aus dem Discounter nimmt. Achtzig Prozent Zucker hat die. Isabells Sohn Matti soll so etwas nicht essen müssen. Trotz allem.

Kristine Bilkau taucht in ihrem Debüt „Die Glücklichen“ tief ein in eine schicke Altbau-Welt, hinter deren Stuckfassaden die Angst wohnt; umso mehr, wenn im Viertel die Bäckereien zu Brotmanufakturen werden und der neue, goldene Kronleuchter im Treppenhaus die nächste Mieterhöhung ankündigt. Eine Welt, die an den Prenzlauer Berg erinnert, die überall sein könnte, mutmaßlich aber in Hamburg liegt: Dort lebt Bilkau, Jahrgang 1974, mit ihrer Familie.

Es geht um ein Selbstverständnis, das brüchig wird

Isabell ist Cellistin bei einer Musical-Produktion. Nach der Babypause haben ihre Hände begonnen, ihr Streiche zu spielen. „Meine Hände werden nicht zittern“, das schreibt sie auf Zettel und steckt sie in die Hosentaschen. Es nützt nichts. Georg ist Journalist bei einer Tageszeitung, gerade schreibt er an einer Serie über Aussteiger. Wenn er selbst eine Auszeit braucht, googelt er nach Immobilien: Holzhäuser in Schweden, nur 35 000 Euro! Dann lädt Georgs Zeitung zu einer „Informationsveranstaltung“, es folgt das Übliche: „Depressive Marktlage, neuer Besitzer, starke Investorengruppe, Visionen, Risiko, Einschnitte.“

Jubiläum Man könnte die Abwärtsspirale, in der Isabell und Georg sich sehen, belächeln. Herrje, was für Probleme sind das: Den Urlaub nicht mehr im Hotel zu verbringen, sondern in einer Ferienwohnung unterm Dach. Aber natürlich geht es um mehr: um den Druck von außen, den Vergleich mit anderen, gelingenderen Leben. Um ein Selbstverständnis, das brüchig wird. Georg „ist zweiundvierzig Jahre alt und er hat es satt, ein Kostenfaktor zu sein“. Isabell denkt, „es muss auch in Ordnung sein, etwas nicht geschafft zu haben, das heißt doch nicht gleich, Träume verraten zu haben“. Das Gefühl des Scheiterns eint das Paar. Und trennt es, mangels Offenheit.

Der Flohmarkt als Geschäftsmodell

Die horizontalen Silberstreifen zeichnet Bilkau mit einem Augenzwinkern: Als Isabell Mattis Kinderzimmer streicht, entdeckt sie einen alten Wandtresor – was, wenn man ihn öffnen könnte ? Als Georgs Mutter stirbt, die die Überbleibsel des familieneigenen Elek­troladens hortete, alte Radios, Plattenspieler, da lädt Isabell zum „Pop-up-Flohmarkt“ – und findet Kundschaft. Für ein paar Tage.

Wie erst Gewissheiten, dann Hoffnungen sich auflösen, wie die Idee eines Lebens zerbröselt, das zeigt Kristine Bilkau in diesem Erstling, der dem Mittelstandsprekariat einen gnadenlosen Spiegel vorhält. Prosten wir uns also selbst zu: na klar, mit Bio-Limo!