„Krisen haben immer auch etwas Stabilisierendes“

Die neue Dramaturgin am Schlosstheater: Annika Stadler.
Die neue Dramaturgin am Schlosstheater: Annika Stadler.
Foto: Christoph Karl Banski
Was wir bereits wissen
Annika Stadler, Dramaturgin am Schlosstheater Moers, schildert, warum Konflikte auf der Bühne wichtig sind. Und wieso es im Theater oft kein Happy End gibt.

Moers.. Wer will im Leben schon die große Krise? Ein ruhiges Glück lässt doch keine Wünsche übrig! Aber der Alltag ist bestimmt von Konflikten. Sie sind der Stoff fürs Theater. Im Gespräch mit erzählt die Dramaturgin Annika Stadler, was Schauspieler und Publikum herausfordert.

Frau Stadler, Sie bringen als Dramaturgin im Schlosstheater in Moers Theaterstücke auf die Bühne. Können Sie erklären, wieso Theaterstücke immer von Krisen handeln?

Annika Stadler: Weil es sonst nichts zu erzählen gäbe. Theater lebt immer von Krisen. Von Menschen, Modellen und Gesellschaften, die nicht mehr funktionieren, die in einer Krise sind. Es muss den Moment geben, in dem eine Figur in einen Konflikt gerät, um dann am Ende daraus gereinigt hervorzugehen. Krisen haben dabei immer auch etwas Stabilisierendes. Für die Welt und für die Gedanken.

Bringen die Krisen die Theaterhelden denn weiter? Können die Helden also von ihren Krisen profitieren?

Stadler: In gewisser Weise schon. Wenn nicht der Held selbst, dann zumindest die Gesellschaft oder der Zuschauer. König Ödipus zum Beispiel muss scheitern, damit die Gesellschaft am Ende wieder zusammengeschlossen wird. Im Theater ist es oft der Einzelne, der sich auf die Suche nach sich selbst macht, sich dabei in seinem Verhältnis zu den anderen in der Welt behaupten muss.

Und was ist mit dem Happy End? Wieso gibt es so wenige glückliche Helden im Theater?

Kultur Stadler: Glückliche Helden sind im Theater tatsächlich eher selten. Der Plot in der romantischen Hollywood-Komödie ist ja immer derselbe – der Film hört mit dem Happy End auf. Aber interessant wird es doch eigentlich erst einige Zeit nach dem glücklichen Ende. Wenn die Prüfungen des Lebens kommen. Wenn der Alltag einsetzt. Vielleicht sind die tragischen Helden zu gefährlich für Hollywood, weil sie gegenüber typischen Mustern misstrauisch machen. Die Devise, die ein System ausgibt, das behauptet: „Wenn du dem folgst, wird alles gut“, die gibt es nicht. Theaterhelden zeigen das. Schauen wir uns zum Beispiel „Romeo und Julia“ an. Das Stück endet tragisch. Aber die beiden haben etwas riskiert für die Liebe. Das hat zu Aufsehen geführt und die Schwächen, aber auch die Stärken der Welt aufgedeckt. Und dadurch können auch die Eltern ihr Verhalten noch einmal überdenken.

Was macht die Faszination an diesen Geschichten aus?

Stadler: Ich glaube, die Leute haben ein Interesse daran, zu sehen, wie Leute etwas riskieren. Helden im Theater sind unzufrieden, mit sich oder mit der Welt. Sie werden aufgerufen, etwas zu tun und sie stürzen sich in die Krise. Deshalb erzählt man ihre Geschichten. Die heutige Welt ist kompliziert, weil es immer mehr als nur einen Weg gibt. Mehr als eine Wahrscheinlichkeit, wie etwas funktioniert. Es gibt kein einheitliches Muster, dem man folgen kann. Aber es liegt in der Natur des Menschen, gegen Grenzen zu rebellieren. Deshalb ist ein solcher Held für das Publikum wichtig, um Situationen noch einmal anders denken zu können.

Die Helden stehen stellvertretend für den Zuschauer auf der Bühne?

Stadler: Im Theater sieht man Helden, die mit der Welt im Konflikt sind. Man schaut mit ihnen gemeinsam auf die Stellen, an denen die Menschen mit der Welt nicht zurechtkommen. Die Grundkonflikte sind dabei oft dieselben. Ja, die Figuren auf der Bühne sind Stellvertreter für die Zuschauer. Vielleicht ist Theater ein guter Ort, um misstrauisch nachzubohren, um in eine andere Welt zu gucken und mit Neugier andere Dinge zu erkunden.

Dafür braucht man Geschichten, um sich zu freuen und in die Abgründe zu sehen, um eine Idee in den Kopf gesteckt zu bekommen. Die besten Theatermomente sind für mich die, in denen ich selber getroffen werde. Weil man Dinge und sich selbst wiedererkennt. Ich sehe Menschen, mit gleichen Problemen. Ob es nun persönliche Probleme sind oder Ideen, die Welt zu verändern.