König Ubu - wüstes Stück menschlicher Unzulänglichkeit
18.04.2010 | 21:32 Uhr 2010-04-18T21:32:00+0200
Essen. Nachspiel in Den Haag: Simon Stephens und Sebastian Nübling geben „König Ubu“ im Essener Theater einen neuen, strengen Schluss. Nübling stellt ein wüstes Stück menschlicher Unzulänglichkeit und Allmachtsfantasie auf die Bühne, und die Toneelgroep Amsterdam steuert ein fabelhaftes Reservoire an schräger Bedeutsamkeit bei.
Was man nicht ändern kann, darüber muss man lachen. Das Essener Schauspiel nähert sich mit seinen jüngsten Inszenierungen zwei Stücken, die nicht unterschiedlicher sein könnten, und doch folgen beide derselben Einsicht: dass grotesker Witz hilft, das Entsetzliche zu ertragen; und zu erkennen. Im einen Fall ist das Entsetzliche der Mörderkönig Ubu, im anderen die Pubertät, beides durchaus menschliche Katastrophen.
König Ubu ist einer von der schlimmsten Sorte, skrupellos, verfressen, hinterhältig und obszön. Das Leben kennt ihn bis heute, und auch auf der Bühne wurde seinesgleichen hinlänglich vorgeführt; ein Regisseur, der auszieht, den Henker neu zu definieren, muss Mut haben. Denn so großartig verrückt das Stück auch ist, so geistsprühend bizarr in seiner Lust zu entlarven: Seine Botschaft ist bekannt und die Wirkung, falls sie trotzdem eintritt, lähmend deprimierend. So ist sie, die Gewalt. Und Jarry ist kein Shakespeare.
Sebastian Nübling kann das: Ubu trotzdem inszenieren. Er stellt ein wüstes Stück menschlicher Unzulänglichkeit und Allmachtsfantasie auf die Bühne, und die Toneelgroep Amsterdam steuert ein fabelhaftes Reservoire an schräger Bedeutsamkeit bei. Dabei ist die Inszenierung äußerst unbequem, die Sprache wechselt vom Niederländischen ins Deutsche, es ist nicht jedes Wort zu verstehen; aber aller Sinn liegt offen zu Tage. Auch die Bühne von Muriel Gerstner ist eine intelligente Zumutung, sie bezieht sich mit riesigem Pult und Plakatwänden voll schöner Sentenzen zu Recht und Gerechtigkeit vor allem auf den neuen, zweiten Teil des Stückes. Den vorerst niemand kennt. Außerdem stehen Podeste herum, mit der Rückseite zum Publikum. Hier braucht die Rohheit keine Fassade.
Dieser Ubu ist grell, bunt und scharf. Farbe spritzt statt Blut, und Nicola Mastroberardino beweist erneut, dass er unendliche Facetten beherrscht. Er spielt den wahnwitzigen Mörder gerissen dummlustig, dabei mit furchtbarer Klarheit. Und Frieda Pittoors ist eine hinreißend böse Ma Ubu, herrschsüchtig, geil, naiv, schiefmäulig. Darf man da lachen? Aber sicher. Das sind ja wir.
Und dann hat dieser Ubu einen neuen Bezug zur Wirklichkeit, der zusammenzucken lässt. Der junge englische Dramatiker Simon Stephens nimmt den furchtbaren Herrscher als das, was er ist: als Beispiel, und liefert das gerichtliche Nachspiel. In Den Haag.
Kein korrektes Aufatmen
Dieser zweite Teil ist vor allem klug. Kein wackeres Ende und kein politisch korrektes Aufatmen: lebenslänglich und fertig, sondern eine böse Abrechnung mit den unmenschlichen Fragen nach den Details der unmenschlichen Taten, und einem offenen Schluss, der nahelegt, dass immer alles so weitergeht mit Bestechung und Massakern und dem blinden Glauben junger Helden an charismatische Herrscher.
Es ist aber leider nicht wirklich gut, sondern, wie das so ist, wenn man Richter, Verteidiger und Zeugen realitätsnah zitiert, eher papieren. Trotzdem bleibt das Schauspielteam stark und einfühlsam wie im ersten Teil, wo es absurden Witz zu gewalttätigem Klamauk führen durfte. Stephens ist kein Jarry. Das Publikum ist trotzdem zufrieden, zu Recht. Ein bemerkenswerter Abend.
15:45
@ 1
Sehe ich ebenso.
12:43
Einfach atemberaubend.