Kniefall der Könige vor dem Kind

Hagen..  Die drei Weisen aus dem Morgenland bilden eines der frühesten Sujets der darstellenden Kunst. Bis heute faszinieren die biblischen Figuren als Prototypen des suchenden Menschen, weil sie als erste kamen, um das Jesuskind anzubeten. In Südwestfalen hat die Dreikönigsverehrung ohnehin eine lange Tradition, da die Reliquien 1794 auf der Flucht vor den französischen Revolutionstruppen in Arnsberg Asyl finden und 1803 quer durch das Sauerland wieder zurück in den Kölner Dom reisen.

Doch wie haben die Alten Meister die Anbetung der Könige ins Bild gesetzt? Aus der Werkstatt des Niederländers Jacob Cornelisz van Oostsanen ist ein Gemälde erhalten, das den Aufzug der Magier um 1510 als farbensprühendes Gesellschaftspanorama mit mehreren Erzählsträngen schildert.

Gleich oben rechts spielt sich ein Drama ab. Ein Mann fliegt aus der Herberge, der Wirt verweigert ihm zornig die Unterkunft. Es handelt sich um Josef, der mit seiner Frau deshalb bekanntlich ein notdürftiges Obdach suchen muss. Ganz im italienischen Vorbild stellt der Maler die Szene in eine Ruinenlandschaft, nicht in einen Stall. Dieses Motiv ist symbolisch zu verstehen, es spielt auf den Palast Davids an.

Aufzug der Magier

Die drei Magier sind mit höfischem Gefolge angereist. So lenkt ein Ritter mit gestreiften Beinlingen und Kuhmaulschuhen den Blick des Betrachters auf sich. Am rechten Bildrand reicht ein Page ein kostbares Goldgefäß seinem Herrn, der wie dieser einen türkisfarbenen Turban trägt.

Vor dem Jesuskind und seiner Mutter ist ein älterer Mann betend niedergesunken, dessen Mantel sogar mit Blattgold besetzt ist. Der Kniefall des barhäuptigen Königs war im Mittelalter ein beliebtes Thema: Selbst Herrscher beugen sich vor dem hilflosen Kind.

Der schwarze König hinter der Gottesmutter bietet ein kostbares Trinkhorn dar, das einen Aufsatz hat, wie man ihn später von der Monstranz kennt. Dieser Weise ist als einziger an seiner Krone als König zu erkennen, und die nimmt er in Verehrung des Heilandes ab.

Natürlich lockt es die Maler, den Zug der Weisen aus dem Morgenland möglichst exotisch darzustellen. Doch das Fremdartige hat eine tiefere Bedeutung. Die drei Magier stehen auch für die drei damals bekannten Kontinente Europa, Asien und Afrika, was übersetzt bedeutet, dass sich die ganze Welt vor Christus verbeugt. Seit dem 12. Jahrhundert wird deshalb einer der Weisen mit schwarzer Hautfarbe gezeigt. Und die Könige stehen gleichzeitig sinnbildlich für die drei Lebensalter des Menschen.

Städtisches Volk mischt sich mit den Dienern und Begleitern der Magier; die Leute laufen wohl herbei, weil es beim Aufzug der Könige so viel zu sehen gibt. Der Maler kann daher regelrecht schwelgen in der Wiedergabe von Stoffen, Kleidern und Kopfbedeckungen.

Feldtrompeter im Einsatz

Im Hintergrund tummeln sich bewaffnete Reiter, begleitet von einem Feldtrompeter. Das sind vermutlich die Schergen des Herodes, die die Heilige Familie zur Flucht nach Ägypten zwingen.

Im Mittelpunkt des Treibens aber stehen zwei bewusst schlicht gestaltete Figuren. Die junge Gottesmutter in ihrem blauen Gewand und das Jesuskind in seinem schmucklosen Spielanzug. Auch diese Komposition findet sich in vielen Anbetungs-Szenen des Mittelalters und der Renaissance: Der Gottessohn ist das Licht der Welt, er braucht keine Goldfäden und Edelsteine, um zu strahlen.

Die zentrale Aussage des Gemäldes fällt dem Betrachter jedoch nicht sofort ins Auge. Jesus hält einen Rosenkranz in seinen kleinen Händen. In der Freude über das Kind, das uns geboren ist, bleibt seine Passion doch gegenwärtig.