Kleve war Preußens Tor zur Welt
24.01.2009 | 00:16 Uhr 2009-01-24T00:16:00+0100
Kleve. Borussia, Borussia: Erst der Westen brachte den Fortschritt nach Brandenburg - eine Ausstellungsreihe in NRW. Fünf Museen zwischen Rhein und Weser stellen mit der gleichnamigen Verbund-Ausstellung fest: "Wir sind Preußen".
Borussia: gleich zwei rheinisch-westfälische Bundesligaclubs kicken im Namen des latinisierten Preußen, das dem deutschen Westen nicht nur hier seinen Stempel aufgeprägt hat. Aber umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Ohne seine rheinischen und westfälischen Provinzen wäre Preußen vielleicht bis heute eine westsibirische Streusandbüchse in der Hand von ostelbischen Junkern. Niemals aber wäre Preußen zu einer historischen Großmacht aufgestiegen, wenn es vor 400 Jahren nicht den "Vertrag von Dortmund" gegeben hätte.
Damals war mit dem unheilbar geisteskranken Johann Wilhelm der letzte Regent des Herzogtums Kleve-Jülich-Berg gestorben - ohne Nachkommen. So wurde 1609 sein Fürstentum aufgeteilt: Jülich und Berg gingen ans Fürstenhaus Pfalz-Neuburg (das später den Düsseldorfer Jan Wellem hervorbrachte); Kleve-Mark hingegen und das ostwestfälische Ravensberg gingen an den Kurfürsten von Brandenburg. Dem wiederum fiel aus den klevischen Erbansprüchen neun Jahre später auch das kleine östliche Herzogtum Preußen in den Schoß, als dort der ebenfalls geisteskranke Regent Albrecht Friedrich starb, auch er ohne Nachkommen.
Der Geist des Calvinismus aus den Niederlanden
"Kleve", sagt Veit Veltzke als Leiter des Preußen-Museums in Wesel, "war für Brandenburg das Tor zur Welt." Erst der Geist des Calvinismus, der über Kleve aus den Niederlanden nach Osten wehte, habe Preußens Staat und Gesellschaft von den spätmittelalterlichen Fesseln befreit, wirtschaftspolitisch und mental erneuert.
Selbst für die berühmte Religionsfreiheit in Preußen war das Herzogtum Kleve ein Vorbild, Katholiken, Lutheraner und Reformierte hatten hier friedlich miteinander gelebt.
Auch die Zeit der Reformen, mit denen Preußen ab 1807 auf seine Niederlage gegen Napoleon reagierte, hatte ihr Vorspiel in Preußens Westen. Und nicht zuletzt waren es die Liberalen unter den rheinisch-westfälischen Bürgern, die 1848/50 dafür sorgten, dass aus dem Preußischen Reich ein Verfassungsstaat wurde.
Zweischneidigkeit zwischen Modernisierung und Militarismus
All dies bringt nun fünf Museen zwischen Rhein und Weser dazu, mit der gleichnamigen Verbund-Ausstellung festzustellen: "Wir sind Preußen". Punkt. Kein Ausrufezeichen. Das Markante an Preußen, sagt Veit Veltzke, sei seine Zweischneidigkeit zwischen Modernisierung und Militarismus, Liberalität und Obrigkeitsstaat. All das wird sich auch spiegeln in der Ausstellung "Im Westen viel Neues: Als Nordrhein-Westfalen preußisch war", die am 3. Mai in Wesel anläuft und dann ab dem 13. September in Minden zu sehen sein wird.
Den Anfang der Ausstellungsreihe macht am 1. Februar aber die Burg Altena, wo der bis zu einer Duellforderung gehende Streit um den Wiederaufbau der Burg 1909 erzählt wird; zugleich wird in Lüdenscheid die außerordentliche Preußentreue der Mark aufgeblättert, wo (etwa im Märkischen Kreis) bis heute die Telefonbücher von den Vornamen Friedrich, Wilhelm und Friedrich-Wilhelm dominiert werden); das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm porträtiert ab dem 8. Februar "ausgezeichnete Köpfe" Preußens in der Stadt, etwa den Freiherrn vom Stein. Das historische Museum Bielefeld schließlich geht Preußens Spuren in Minden-Ravensberg nach und das Preußen-Museum präsentiert ab dem 20. September noch eine Sonder-Ausstellung über den preußischen Partisanen Ferdinand von Schill. (NRZ) Kundige Aufsätze zu allen Ausstellungen enthält der Katalog "Wir sind Preußen", der ab Montag bereits im Buchhandel erhältlich ist 19,95 €.
Internet: www.1609-nrw.de
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