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Literatur

Kleine Geschichten, große Liebe

25.01.2012 | 18:49 Uhr
Kleine Geschichten, große Liebe
Daniel Glattauer

Wien.   Eine Begegnung mit dem Bestseller-Autor Daniel Glattauer, der mit seinem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ ins Herz traf, im Wiener Stadtviertel Ottakring. Am 6. Februar erscheint Glattauers neuer Roman „Ewig Dein“ – eine haarsträubende Geschichte zwischen Liebe und Stalking.

Abends um sechs endet der Markttag im Wiener Szeneviertel Ottakring. Türkische Trockenobst-Händler plaudern mit den Frauen vom Fisch, dazwischen kaufen dezent trendige junge Männer Sesambrezeln. Um die Ecke wohnt Daniel Glattauer, der mit seinem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ eine nach Hunderttausenden zählende Auflage erreichte. Nun führt er eine kleine Gruppe von Journalisten durch Ottakring, sein Verlag hat eingeladen. Drei Stationen einer Begegnung, die mit dem Satz beginnt: „Ich bin der Daniel.“

Wie stellt man sich einen Bestseller-Autor vor? Ein wenig unnahbar, von sich überzeugt, seine Allüren pflegend. So gesehen wäre Daniel Glattauer kein Bestseller-Autor. Er hat nur ein Buch geschrieben, das ins Herz traf. Weil er versteht, was darin zuweilen so los sein kann. „Es geht mir gar nicht so sehr um die großen Missionen und nicht darum, mit dem Schreiben die Welt zu verbessern“, sagt er, „sondern um die kleinen Geschichten.“

Aber entstehen aus den kleinen Geschichten nicht auch die großen? Vielleicht. Glatt­auer war lange Jahre Gerichtsreporter für die Zeitung „Der Standard“. Vergewaltigungs- und Mordprozesse hat er dort gesehen und weiß: „Die irrsten Sachen können sein“. Vielleicht hat er hier eine tiefe Menschenkenntnis geschult, die den Dingen auf den Grund geht und die letztlich auch seine Bücher erfolgreich macht. Im Gespräch führt er schnell weg von sich, hin zu anderen – kein Ausweichen, ein Hinwenden. Ende des Jahres wird er seine Ausbildung zum Psychosozialberater beenden. Mit dem Diplom wird er Menschen mit „Beziehungs- oder Alltagsproblemen“ beraten können. Glattauer schaut in die Runde, zufrieden: „Es fühlen sich alle wohl hier, oder, was meinst du?“

Er hat die Raucherecke gewählt; er raucht, seit er sich mit seinem Bruder vertragen hat. Ein sehr emotionaler Moment sei das gewesen. Worum der Streit ging? Kompliziert. Die Geschichte hat mit kleinen (er) und großen Brüdern zu tun, mit Erfolg auch und mit der Scheidung der Eltern, als die beiden Jungen noch klein waren. Etwas Dunkles wird da plötzlich sichtbar.

Auch Glattauers neuer Roman „Ewig Dein“ hat etwas Düsteres. Ein Buch, mit dem er sich „vom Schöne-Geschichten-Schreiben“ befreit habe, sagt er. Der Plot: Judith lernt Hannes im Supermarkt kennen, er schmeichelt sich in ihr Leben, trägt sie auf Händen. Ihre Familie, ihre Freunde sind begeistert – und? Man ahnt es. Die Romanze kippt ins Radikale, Judith fühlt sich verfolgt. Ein realer Stalking-Fall liegt dem abgründig spannenden Roman zugrunde, den Glattauer einst als Reporter verfolgte. Mehr noch als die früheren Werke sei dies wohl „ein Buch für Frauen“, sagt Glattauer, „ein Mann fühlt sich in dem Buch wahrscheinlich nicht sehr wohl.“

Aber ist dieser Roman nicht auch eine Kritik am allzu menschlichen (weiblichen) Wunsch, bedingungslos geliebt zu werden? Tappt Judith nicht aus eigener Schuld in die Falle? „Ich glaube tatsächlich, die wirkliche Liebe ist immer die, die man selbst zum anderen hat. Und nicht die, die man vom anderen spürt.“ Der „perfekt“ Liebende, „der liebt einfach, ohne dass er dafür etwas zurückhaben will“. Eine Erkenntnis, die sich seinem Alter verdankt: „Ich war früher schon viel egoistischer in meinem Lieben.“

Heirat aus Feierlaune

Daniel Glattauer wurde 1960 in Wien geboren. Er lebt seit 26 Jahren mit seiner Frau zusammen, deren Sohn er mit großgezogen hat. Erst vor wenigen Jahren haben die beiden geheiratet. Sie hätten „einfach Lust auf ein Fest“ gehabt, sagt Glattauer zur Begründung.

Smalltalk, der Terror der Prominenz. Dabei hat Daniel Glattauer solche Anlässe wie diesen – Empfänge, Feste – früher genossen: „Da musste ich nicht über mich sprechen oder meine Bücher, sondern konnte erzählen, was ich bei Gericht so erlebt habe.“ Heute wollen alle wissen, was als nächstes kommt im Leben des Bestseller-Stars. „Ich bin selbst gespannt“, gibt Daniel Glatt­auer zu. „Ich muss erst mal abwarten, wie das wird mit dem neuen Buch. Und ob ich mich nicht geborgener fühle, wenn ich schöne Geschichten erzähle.“

Daniel Glattauer: Ewig Dein. Deuticke, 208 S., 17,90€. Ab 6. Februar im Handel.
Lesungen: 18.3., Köln bei der Litcologne, 19.3. Düsseldorf, 19.30 Uhr, Buchhaus Antiquariat Stern-Verlag, Friedrichstrasse 24-26.
 Am 8. Februar ist Daniel Glattauer im TV bei Thomas Gottschalk zu Gast

Britta Heidemann

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