Klassik-Musik für Kinder - auch da, wo keiner mit ihr rechnet

Volle Puste „Nussknacker“ . Die Musiker vom Pindakaas-Quartett bringen Klassik in Schulen. Über 15.000 Kinder hörten schon zu.
Volle Puste „Nussknacker“ . Die Musiker vom Pindakaas-Quartett bringen Klassik in Schulen. Über 15.000 Kinder hörten schon zu.
Foto: HO
Was wir bereits wissen
Die vier Musiker von „Pindakaas“ hauen nicht auf die Pauke. Aber mit ihren Saxophonen pfeifen sie auf den Irrglauben, nicht jedes Kind hätte ein Recht auf gute Musik. Ein Besuch.

Essen.. Als an der Bühnenkante der Märchenprinz mit der Musikerin tanzt, da kichert die erste Reihe, und die letzte reckt raunend den Daumen. Ja, darf man denn das im Theater? Aber bitte, das hier sind Kinder, und dass sie die Szene so feiern, ist ja viel: Sie sind schon eine Dreiviertelstunde da und immer noch dabei. Und sie sitzen auch gar nicht im Theater, das Theater ist zu ihnen gekommen.

Wie es die Reihe „Klassik für Kids“ seit Jahren tut, 25-mal in den vergangenen Monaten, zu bald 15. 000 Kindern: „Wir sind“, sagt der Saxophonist Matthias Schröder, „auch da, wo etablierte Theater sich nicht hinbewegen. Wo Menschen sich keinen Theaterbesuch leisten können.“ In Turnhallen spielt sein „Pindakaas Saxophon Quartett“, vor der Kulisse von Glasbausteinen und zerschlissenen Vorhängen in die Jahre gekommener Aulen. Die Musiker bringen das Bühnenbild mit, die Maske, zur Not auch ein Brötchen. Und vor ihnen sitzen Hunderte Grundschulkinder, die nichts bezahlen müssen, über die eine Direktorin aber kürzlich sagte: „Für die Kids ist dies vermutlich das einzige Theaterstück, das sie besuchen werden.“

Lokales Und zum guten Schluss sangen alle aus voller Kehle

In diesem Herbst erlebten sie „Nussknacker und Mausekönig“, ein musikalisches Wintermärchen nach E.T.A. Hoffmann, in dem erstaunlicherweise die Mäuse die Bösen sind. Die Musik von Tschaikowsky, das Stück von Pindakaas, der Applaus von erstaunlich vielen schwarzhaarigen und dunkeläugigen Kindern, die zum guten Schluss „Kling Glöckchen“ sangen aus voller Kehle, überzeugend textsicher.

Apropos Text: Den überbringt nur ein Erzähler. Ein Schauspieler zwar ist dieser Frank Dukowski, aber eben der einzige auf dieser besonderen Tournee. Der das Mädchen Klara Schuhe werfen lässt (Gelächter) und damit eine Scheibe in Scherben („Boah!“). Der aber auch sagt, das sei „körperlich anstrengend“: „Die Kinder dabei zu halten, geht nur mit Kommunikation und direktem Kontakt.“ Er sieht in ihren Augen, ob sie ihm folgen, er fängt sie ein und sagt: „Unruhe ist kein Kriterium. Es kann auch sein, dass sie sich bewegen, weil es sie mitreißt.“ Und immer steht ja irgendwo ein Lehrer, der mahnend den Finger auf die Lippen legt oder die Hände auf schmale Schultern.

Märchen verstehen Kinder überall

So war es in Dortmund-Hörde, in Bottrop, Marl und Oberhausen. Neulich in Essen, wo ein Fünftel der Schüler Flüchtlingskinder waren, die nicht einmal Deutsch sprachen. Dukowski betont dann seine „Schlüsselwörter“: „König“ oder „Prinzessin“; Märchen, weiß er inzwischen, verstehen Kinder überall. Was auch in Duisburg so war, wo gegenüber der Grundschule diese Kneipe steht: „Hartz IV Ecke“.

Kinderkonzert 95 Prozent betrug der Migranten-Anteil hier, nach der Vorstellung malten die Kinder ein Danke-Plakat: „Lieber Musikanten du hast sososo schün geschpielt“, schrieben sie zu bunt gezeichneten Nussknackern. Oder „Danke das ihr so gut Saxofon gespilt hapt.“ Die Lehrerin legte einen gerührten Brief dazu: „Die Kinder meiner Klasse waren ganz begeistert und möchten am liebsten nur noch die Musik hören und dazu tanzen.“

Bearbeitet für vier Saxophone

Musik, von der Schröder und seine Kollegen wissen, dass sie „zuhause niemals eingeschaltet würde“. Tschaikowsky, Mussorgsky, sogar Schönberg – alles bearbeitet für vier Saxophone, manchmal Klarinette oder Flöte. Alles andere also als Fahrstuhl-Musik oder das Laute, Schnelle, auf das die Kinder, glaubt Schröder, „heutzutage geeicht“ sind. Das war die Idee des Europäischen Klassikfestivals, das diese Reihe ins Leben rief, um die Kultur zu den Kindern zu bringen.

50 Schulen haben zuletzt angefragt, private Spender und Firmen-Sponsoren stemmten die Hälfte, bislang. Denn es geht weiter, für Pindakaas, für Dukowski. Und für die Kinder. Die sind vielleicht ein schwieriges Publikum. Aber nur deshalb: „Sie reagieren direkt“, sagt Frank Dukowski. „Wenn’s langweilig wird, gähnen sie.“

  • Das Pindakaas Saxophon Quartett mit seinen Profimusikern ist für seine Inszenierungen für Kinder bereits mehrfach ausgezeichnet worden. www.pindakaas.de
  • Städte und Schulen können sich um eine Aufführung der „Klassik für Kids“ beim Europäischen Klassikfestival bewerben: www.eu-klassikfestival.de