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Klassik ? Da macht Matthias Claudius nicht mit !

20.01.2015 | 17:43 Uhr
Klassik ? Da macht Matthias Claudius nicht mit !
Matthias Claudius (1740-1815) in einem zeitgenössischen Stich.Foto: dpa

Witten.   Er starb vor 200 Jahren: Ein Gespräch über den Schriftsteller, Journalisten und Lied-Autor („Der Mond ist aufgegangen“) mit seinem Biografen Martin Geck

Sein „Abendlied“ mit den Anfangsworten „Der Mond ist aufgegangen“ kennt bis heute fast jeder, ansonsten aber ist Matthias Claudius (1740-1815), der heute vor 200 Jahren starb, vergessen. Dabei ist er ein faszinierender Schriftsteller, sagt sein Biograf, der Musikprofessor Martin Geck. Jens Dirksen sprach mit ihm über Claudius.

Herr Professor Geck, wozu sollen wir heute noch Claudius lesen?

Martin Geck: Er bietet eine wunderbare Vermischung von Frechheit, Frömmigkeit und Frohsinn. Claudius wollte Schlichtheit und Tiefe, das klingt vielleicht kitschig, aber er vermischt es gottlob mit dem Handfesten, Witzigen, Verblüffenden.

Wie passt Claudius denn in die heutige Zeit?

Martin Geck: Nun, einmal etwa schildert er im „Wandsbecker Bothen“ einen fetten Ochsen, der geschlachtet wird, er gibt dessen Gewicht haargenau bis aufs Lot an und schreibt: „Der Schlachter hieß Morg, der Name des Ochsen wird nicht genannt“ – das hat es in dieser Zeit sonst nicht gegeben, dass der Respekt vor den Kreaturen auf so hintergründige Weise eingefordert wird. Claudius achtet nicht auf Erhabenheit, er fordert die Leser mit kleinen Schocks oder Anstößen zum Mitdenken heraus, und das ist absolut modern.

Warum ist sein „Abendlied“ bis heute so beliebt?

Martin Geck: Hm, die Melodie kommt mir etwas lahm vor, an den Zeilenenden verführt sie zum Leiern. Aber sie war offenbar genau richtig. Wir sind seit vielen Jahrhunderten vom Christentum geprägt, und in dessen Geschichte hat es auch viel Abstoßendes gegeben. Aber hier ist das Gegenteil, das Anziehende am Christentum dargestellt. Es geht um existenzielle Wahrheiten, und es scheint am Horizont ein Hoffnungsschimmer auf, wie ihn sich jeder für sein Leben wünscht, ob Christ oder nicht. Von diesem Hoffnungsschimmer zu singen, schafft Zusammenhalt unter den Menschen. Das kann von Kindern verstanden werden und sagt auch Erwachsenen etwas. Da fühlen sich Arme wie Reiche, Kleine wie Große gemeinsam in den Arm genommen. Das findet man so schnell weder in kunstvoller Lyrik noch im Volkslied, schon gar nicht im Schlager.

Und da ist dieser Bruch im letzten Vers: „Und lass uns ruhig schlafen / Und unsern kranken Nachbar auch.“

Martin Geck: Da stelle ich mir vor, dass da die Kleinste im Haus beim Singen diese Worte dazwischenkräht! Bei so viel Nähe zur Familie kann Erhabenheit erst gar nicht aufkommen. Sehen Sie, „Über allen Gipfeln ist Ruh“ von Goethe endet ebenfalls mit dem Wörtchen „auch“. Aber mit „Warte nur, balde ruhest du auch“ raunt uns der Dichterfürst etwas zu, was jeder weiß, hier aber noch einmal von hoher Warte gesagt bekommt. Claudius hat das nicht nötig.

Sein bekanntes „Kriegslied“ beginnt sogar mit einer umgangssprachlichen Auslassung: „’s ist Krieg! ‘s ist Krieg!“

Martin Geck: Ja, das klingt wie Volksmund. Doch er schrieb nicht gezielt fürs Volk. Seine Leser gehörten vor allem dem bürgerlichen Publikum an: Das sollte bei seiner kindlichen Sympathie für „primitiven“ Slang gepackt werden. Das ist ein bisschen so wie die Rockersprache von Udo Lindenberg: So haben die Rocker ja nicht wirklich gesprochen. Aber die Jugendlichen bekamen das Gefühl, das ist echt, so würden wir selbst auch gern quatschen.

Und warum ist er trotz seines dichterischen Niveaus kein wirklicher Klassiker geworden?

Martin Geck: Man kann seine Gedichte nicht für die Schule auf Flaschen ziehen, man kann sie weder dem Idealismus noch der Klassik oder der Romantik zuordnen, dazu sind sie zu lebensnah, zu sehr eine Mischung von Witz und Herzensgüte. Die Klassik soll nichts als edel sein, da macht Claudius nicht mit. Deshalb kommt er in der Schule kaum mehr vor.

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2015-01-20 17:43
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