Verwundete und andere Herzen
07.11.2007 | 07:58 Uhr 2007-11-07T07:58:00+0100
Großes Gefühlskino: Joe Wright verfilmt Ian McEwans Bestseller "Abbitte" mit der zauberschönen Keira Knightley.
DÜSSELDORF. Frauen an die Filmfront! Wenn Hollywoods weibliche Stars die Einberufung zur Leinwandschlacht erreicht, dann ist großes Gefühls-Kino angesagt. Krieg und Frieden, Schönheit und Schmerz, Anmut und Elend sind nun mal die wirkungsvollsten Paarungen des emotionsmächtigen Melodrams.
Blutrot korrespondiert dann der Lippenstift mit der reinweißen Schwesterntracht. Rose? schimmern die glühenden Wangen vom ruhelosen Einsatz für Vaterland und Verletzte. Und ganz aus der Ferne vermag man manchmal schon den Goldschimmer jenes Oscars zu sehen, den diese Aufopferung verspricht. So war es 1996 bei Juliette Binoche, die in Anthony Minghellas Weltkriegs-Epos "Der englische Patient" zum Sterben schön spielte. Und auch Keira Knightley strahlt und funkelt noch im fahlen Lazarett-Licht wie eine dochtdünne Wunder-Kerze.
Böse Schwestern haben keinen Lippenstift
Zu ihrem Glück muss sie auch nicht die schlimmen Dinge erleben, die ihre Schwester Briony zu sehen bekommt. Böse Schwestern tragen auch in Joe Wrights opulenter Verfilmung des Ian McEwan-Romans "Abbitte" keinen kirschroten Lippenstift. Und ihr Liebesdienst beschränkt sich auf das Händchenhalten mit einem Halbtotgeschossenen. Wenn die blasse Briony ihren Schwestern-Strafdienst antritt, hat der Film seine großartigsten Momente schon hinter sich.
Wer das Buch kennt, wird anfangs staunen, wie prägnant der junge britische Regisseur Wright ("Stolz und Vorurteil") Figuren skizziert, Atmosphären verdichtet, Beziehungsschlingen knüpft und mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen jongliert. Entscheidende Handlungsmomente dieses Schicksalssommertages 1935 werden aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, Zeitabläufe variiert und zum bedrohlichen Tackern einer Schreibmaschine wie ein Psycho-Krimi inszeniert.
Sehnsucht nach Wiedergutmachung
Das moralische Verbrechen freilich ist schnell aufgeklärt. Die altkluge Briony (imposant: Saoirse Ronan), ein 13-jähriges Mädchen mit zuviel Phantasie und zu wenig sexueller Aufklärung, erlebt die ersten, schwer atmenden Anzeichen erotischer Anziehung. Am Abend ist ihre 22-jährige Schwester Cecilia (Keira Knightley) sterbensverliebt und ihr Angebeteter, der junge Nachbarssohn Robbie (James McAvoy), der Vergewaltigung von Brionys kleiner Cousine angeklagt. Briony freilich weiß es besser und macht sich doch zur Zeugin der Anklage. Schuld und Schicksal spielen sich von nun an unselig in die Hände. Und die Sehnsucht nach Wiedergutmachung inszeniert Wright so, wie man heutzutage Abbitte leistet: mit einem TV-Geständnis.
An dieser Stelle, wenn die wunderbare Vanessa Redgrave als dritte und älteste Darstellerin der Briony auftritt, hat der Film offenbart, was ihn nach der ersten Hälfte voller glasklarer Gesellschaftsbilder etwas ausgewalzt und beliebig erscheinen lässt. Über dem ausgebrannten Schlachtfeld von Dünkirchen bietet Wright alles auf, was die Gefühlsliefer-Maschinerie zu bieten hat: Aufgerissene Körper und wunde Herzen, verkohlte Leichen, ausgebrannte Seelen. In diesem surrealen Weltkriegs-Alptraum zwischen hölzernen Karussellpferdchen und abgeknallten Armee-Gäulen geht leicht verloren, dass Tragik mehr ist als eine Anhäufung von Schreckensbildern. (NRZ)
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