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Und ewig lockt das Weib

16.11.2007 | 19:49 Uhr
Und ewig lockt das Weib

Robert Zemeckis bringt das alte angelsächsische Epos von Beowulf auf die Leinwand. Statt einer Literatur-Verfilmung ist daraus ein Fantasy-Abenteuer in altbekannter Hollywood-Manier geworden

Vermutlich in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts von einem angelsächsischen Geistlichen geschaffen, ist die "Beowulf"-Saga nicht nur die älteste (in einem einzigen Exemplar) erhaltene germanische Heldendichtung, sondern auch das früheste große Nationalepos des Mittelalters. Erst ein knappes halbes Jahrtausend später folgten das alt-französische "Rolandslied", das altrussische "Igorlied", das mittelhochdeutsche "Nibelungenlied".

Die Legende von Beowulf Bild: © 2007 Warner Bros. Ent.

Seit langem hat die zum Teil historisch verankerte Geschichte um den südschwedischen Gauten- (oder Goten-) Recken Beowulf (= Bienen-Wolf = Bär), der dem (verbürgten) Dänenkönig Hrothgar im Kampf gegen das menschenfressende Ungeheuer Grendel beisteht, der selbst König wird und Jahrzehnte später nach einem erfolgreichen Kampf mit dem Drachen (Siegfried-Motiv) stirbt, das Abendland beschäftigt. J. R. R. Tolkien fand in der eigentlich in Dänemark spielenden Saga, die wohl von eingewanderten Angeln nach England gebracht wurde, Inspiration für den "Herrn der Ringe": Namen und Motive aus dem Beowulf finden sich vor allem in der Beschreibung von Rohan; aus dem angelsächsischen Text stammen die Orks (orcneas), Elben (ylfe) und die Ents (eotenas). Das epische Gedicht, das allmählich untergehende nordische und unaufhaltsam vordrängende christliche Traditionen vermischt, hat Progressiv-Rock-Bands wie Marillion angeregt; John Gardners Nacherzählung aus der Sicht des Monsters Grendel diente als Libretto-Vorlage für Elliot Golden-thals Oper "Grendel" (UA 2006 in Los Angeles); Michael Crichton verschmolz Beowulf-Elemente und Reiseberichte von Ahmad Ibn Fadlan in seinem Roman "Eaters of the Dead", der von John McTiernan mit Antonio Banderas in der Hauptrolle unter dem Titel "Der 13. Krieger" verfilmt wurde. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Jetzt also eine Neuadaption für die große Kinoleinwand. Regie führte Robert Zemeckis, der - dafür stehen z. B. "Zurück in die Zukunft" und das meisterhafte "Forrest Gump" - wirklich kein Schlechter ist.

Auch die Drehbuchautoren Neil Gaiman und Roger Avary (Pulp Fiction) sind keine Anfänger; und die Darsteller, die für "Die Legende von Beowulf" ihre Physiognomie zur Verfügung gestellt haben, sind ebenfalls über jeden Zweifel erhaben: Anthony Hopkins (Hrothgar), Robin Penn Wright (Königin Wealthow), Ray Winstone (Beowulf), Brendan Gleeson (der Mad-Eye-Moody aus Harry Potter) und vor allem Angelina Jolie als Grendels Hexen-Mutter.

Doch manchmal bringen auch noch so gute Köche mit noch so erlesenen Zutaten nur Fast-Food zustande. Zemeckis hat die für den "Polarexpress" entwickelte Technik des "Performance Capturing", bei der die mit Sensor-Anzügen ausstaffierten Darsteller Bewegungen und Mimik zwecks digitaler Bearbeitung auf den Computer übertragen, bis zum Geht-nicht-mehr verfeinert. Mit dem Ergebnis, dass die computergenerierten Wesen so aussehen wie John Malkovich oder Hopkins und so lebendig wirken wie Wachsfiguren von Madame Tussaud. Die digitale Technik hat allerdings den Vorteil, dass Zemeckis Angelina Jolie endlich so zeigen darf, wie Gott sie schuf und der Programmierer sie verbesserte (von C auf D). So bedient man Teenager-Fan-tasien. Beowulfs bestes Stück dagegen bleibt brav hinter einer Mütze, einem Möbel oder sonst was verborgen - der Film ist schließlich ab zwölf frei?gegeben. Dass bildgewaltig gemetzelt und geschlachtet wird, dass Menschen verbrannt oder in der Luft zerrissen werden - wen stört's?

Wen die Sex- und Gewaltorgien nicht stören, der stört sich vielleicht an der Chuzpe, mit der eine frühmittelalterliche Saga in ein oberflächlich-zeitgeistiges Fantasy-Abenteuer umgebogen wird. Hrothgar entpuppt sich als Grendels Vater, Beowulf darf aus naheliegenden Gründen Grendels Mutter besamen. . . und dann ist da noch die Sache mit dem Drachen. Hollywood pur. Poor Hollywood.

Von Wolfgang Platzeck



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