Tristesse, schlechter Sex und Schnaps bei Berlinale-Filmen
16.02.2010 | 19:15 Uhr 2010-02-16T19:15:00+0100
Berlin.Die Filmfestspiele sind grau und kalt wie selten. Bier- und Schnapsflaschen häufen sich auf der Leinwand, Protagonisten schaufeln aufgewärmtes Fastfood in sich hinein, es werden vorwiegend Wut und Ausweglosigkeit transportiert. Wenn man uns so etwas zumutet, dann ist das wohl auch ein Symptom des derzeitigen Weltkinos.
Zur Halbzeit dieser 60. Berlinale ist eine seltene Kongruenz zwischen den meteorologischen Außenbedingungen und dem Binnenklima der Filmfestspiele festzustellen: Beides ist dauerhaft grau und kalt. Als dieser Tage zur Mittagszeit tatsächlich einmal kurzzeitig die Sonne durchbrach, sollen aus dem Dunkel des Kinosaals auftauchende Cineasten das irrtümlich für Scheinwerferlicht gehalten haben. Und wenn im Wettbewerb um den Goldenen Bären auf der Leinwand wirklich Komik aufflackern will, bekommt man gleich ein schlechtes Gewissen und glaubt an einen Irrläufer. Humor findet man inzwischen unangemessen in einem bisher äußerst mäßigem Programm, bei dem in Sachen Tristesse Dauerbeflaggung herrscht.
Inzwischen leistet man sogar dem chinesischen Eröffnungsfilm Abbitte, dessen Dreiecksbeziehung älterer Herrschaften zumindest bei andauernd gutem Essen stattfand. Seitdem häufen sich Bier- und Schnapsflaschen auf der Leinwand, schaufeln Protagonisten aufgewärmtes Fastfood in sich hinein, kann man haufenweise schlechten Sex beobachten, werden vorwiegend Wut und Ausweglosigkeit transportiert. Wenn man uns so etwas zumutet, dann ist das wohl auch ein Symptom des derzeitigen Weltkinos. So wie das Dauerangebot von Currywurst bei den abendlichen Empfängen vielleicht.
Männer sammeln Enttäuschungen wie Briefmarken
Besonders beliebt in den Filmen des Wettbewerbs sind Männer, die aus Gefängnissen, Kliniken oder Krieg zurückkehren, um nun Enttäuschungen wie Briefmarken zu sammeln. Da ist der Leutnant in dem japanischen Film „Caterpillar“ von Koji Wakamatsu, der als eine Art Raupe vom Schlachtfeld zurückkommt – ohne Arme, ohne Beine, ohne Stimme. Seine Frau soll ihn nun pflegen und auch noch mit ihrem ganzen Körper diesem Rumpf zur Verfügung stehen, obwohl sie früher Schläge und Demütigungen hat aushalten müssen. Schade nur, dass es dem Regisseur gar nicht um seine Figuren geht, sondern um die mit viel Zahlenmaterial untermauerte Botschaft, dass Krieg eigentlich schlecht ist.
Der Norweger Ulrik in Hans Peter Molands „En ganske snill mann“ hat zwölf Jahre wegen Mordes gesessen und soll nun gleich wieder den Typen liquidieren, der ihn damals verpfiffen hat. Eigentlich müsste auch Ulrik zu den Verdammten dieses Wettbewerbs gehören, aber irgendwie meistert er die Situation und der verlässliche Hauptdarsteller Stellan Skarsgard schickt uns immerhin mit einem Lächeln hinaus auf die Eisplattenwege vor dem Festivalkino.
Von einem wie Ben Stiller hatte man eigentlich vermutet, dass er dem Zuschauer ein Lächeln ins Gesicht hätte zaubern können. Aber dafür ist seine Figur des Roger Greenberg in Noah Baumbachs „Greenberg“ nicht gemacht. Gerade aus der Psychiatrie entlassen, ist das ein verschrobener, menschenscheuer Zeitgenosse, der mit 40 orientierungslos im Leben hängt. Er schlägt Zeit tot mit seinen Freunden von früher und hat langweiligen Sex mit der jungen Hausdame seines Bruders. Ein fast schon ärgerlicher Film für Leute, die Zeit genug haben, um sie totschlagen zu können.
Heisenbergs Lichtblick
Als wirklicher Lichtblick hingegen erweist sich die österreichisch-deutsche Koproduktion „Der Räuber“. Sie stammt von einem Regisseur, der eigentlich schon einen Namen hat. Benjamin Heisenberg (35) ist der Enkel des Physik-Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, und dies ist erst sein zweiter Film. Heisenberg wird mit seinem Filmstil der „Berliner Schule“ zugerechnet. Die Absicht der hier vertretenen Regisseure (Christian Petzold, Angela Schanelec und andere) ist es, mit reduzierten Mitteln ungemein genau zu sein.
Heisenbergs „Räuber“ erzählt von einem erfolgreichen Marathonläufer, der bei seinem Training nebenbei ebenso erfolgreich Banken überfällt. Andreas Lust verkörpert diesen Johann Rettenberger mit undurchdringlichem Gesicht, er lässt auch unter Dauerbeobachtung der Kamera nicht in sich hineinblicken.
Man erkennt trotzdem einen Gejagten, der immer in Bewegung bleiben muss. Immer weiter testet er seine Grenzen aus, erringt Preisgelder und Beute in atemberaubender Geschwindigkeit. Der Zuschauer wird mehr und mehr zum Komplizen, der sogar begreift, warum Rettenberger den nicht locker lassenden Bewährungshelfer kurzerhand mit seiner letzten Siegestrophäe erschlägt. In dem Film klingt eine Unbarmherzigkeit an, wie man sie aus den Filmen eines Christian Petzold kennt. Nicht das schlechteste Vorbild.
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