Transzendenz auf Bayrisch
12.11.2008 | 08:23 Uhr 2008-11-12T08:23:00+0100
Düsseldorf. "Im Winter ein Jahr" - ein Caroline Link-Film mit wunderbaren Darstellern wie Karoline Herfurth und Sepp Bierbichler.
Deutscher Kinostart: 13.11.2008
Regie: Caroline Link
Darsteller: Karoline Herfurth, Josef Bierbichler, Corinna Harfouch, Hanns Zischler, Mišel Maticevic, Cyril Sjöström, Jacob Matschenz u.a.
Der Tod und das Mädchen - wie sollen diese Dinge nur gemeinsam auf eine Leinwand finden? Für den Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) kommt die Frage nicht ganz unerwartet, bei ihm hängen immer ein paar Leichen im Atelier. Sein Studio ist seit Jahren auch eine Werkstatt für angeknackste Seelen und Trauertrümmerbrüche. Und deshalb malt Hollander im Auftrag der wohlhabenden Eliane Richter (Corinna Harfouch) auch zusammen, was nicht mehr zusammengehört: Tochter Lilli (Karoline Herfurth) und Sohn Alexander (Cyril Sjöström), der sich aus ungeklärten Gründen ein paar Monate zuvor das Leben genommen hat.
"Im Winter ein Jahr" ist der Zeitraum, der bald hinter diesem Ereignis liegt. Die Mutter will eine Erinnerung, eine Illusion, ein Weitersehen. Oscar-Preisträgerin Caroline Link hat daraus einen behutsamen, berührenden Film gemacht, eine gelungene bayerisch-bodenständig-transzendente Mischung, was auch an den famosen Darstellern liegt.
Ohne Poltern und Pranke
Josef Bierbichler beispielsweise spielt den bedächtigen Künstler diesmal ohne Poltern und Pranke. Die Werke des Münchner Malers Florian Süssmayr, die man in dem Film sieht, passen gut zu seiner Spielweise. Sie sind sinnlich, aber auch ein bisschen abweisend, nicht unbedingt gefällig, wie das Bierbichler-Spiel. Als Eliane, die nicht von Selbstmord, sondern von einem Jagdunfall spricht, bei ihm das Doppelporträt in Auftrag gibt, beginnt ein Prozess der Aufarbeitung von Verdrängung, Verzweiflung und Vorwürfen.
"So ein Bild kann schon helfen bei der Trauer", brummt Max anfangs, aber was dann wirklich hilft, ist die Außensicht des Malers, der sich langsam an die unausgesprochenen Familiengeheimnisse herantastet. Vor allem die abweisende Lilli, die Schauspiel und Tanz studiert und anfangs gar nichts von dem Bild wissen will, fasst allmählich Vertrauen. Der eremitische Max wird das Verbindungsglied dreier zunehmend beziehungsloser Familienteilchen, die um jene Leerstelle kreisen, die Alexanders Tod hinterließ, ohne den Grund dafür zum Thema zu machen.
Man scheut sich, von der therapeutischen Kraft der Kunst zu sprechen, aber was Link, sieben Jahre nach ihrem Oscar für "Nirgendwo in Afrika" da nach einem Roman von Scott Campbell ausmalt, ist ein Familien- und Künstlerdrama voller großer Gemütsgemälde und kleiner Seelenlandschaftsskizzen. Manchmal leider nicht ganz unprätentiös, aber oft mit perfektem Gespür für kleine Gesten, präzise Blicke und verknappte Botschaften.
Wie schon bei "Jenseits der Stille" (1996) entsteht auch hier aus unterschiedlichen Motiven und Tonlangen allmählich die Melodie des Films. Hanns Zischlers väterliche Ablösung von der Familie, Corinna Harfouchs übersteigerte Fürsorge, Karoline Herfurths selbstzerstörerische Flucht in den Tanz und Affären, all das mündet in einen Fluss von Erklärungen und Perspektiven.
"Was täten wir nur ohne die reichen Leute"?, fragt der Schreiner am Ende den Maler Max, als das fertige Gemälde verpackt wird und der tote Alexander schon wieder in einer Holzkiste landet.
Man muss es sich leisten können, diese Trauer-Exegese, auch im Kino. Link nimmt sich zum Ende des Filmes vielleicht etwas zu viel Zeit fürs behutsame Stimmungsaufhellen am Starnberger See. Aber wie sie es tut, ist sehenswert. (NRZ)
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