Stundenlange Sinnlos-Action: Warum Filme immer länger werden

Gleich macht er wieder was kaputt: Autobot Optimus Prime. Im vierten "Transformers"-Teil setzt Regisseur Michael Bay noch mehr auf digitale Effekte - und weniger auf Handlung.
Gleich macht er wieder was kaputt: Autobot Optimus Prime. Im vierten "Transformers"-Teil setzt Regisseur Michael Bay noch mehr auf digitale Effekte - und weniger auf Handlung.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Früher dauerte ein Hollywood-Film 90 Minuten, moderne Streifen wie "Avengers" brauchen bisweilen fast drei Stunden. Warum Filme immer länger werden.

Essen.. Will Smith braucht 94 Minuten. In dieser Zeit retten er und Tommy Lee Jones als "Men in Black" das Universum vor einer widerlichen Riesenschabe.

Der Science-Fiction-Streifen ist 18 Jahre alt: Damals in den 90ern reichte Hollywoods Filmemachern die Länge eines normalen Fußballspiels häufig noch, um ihre Geschichten zu erzählen.

Avengers In "Transformers: Ära des Untergangs" haben Mark Wahlberg und seine Roboterfreunde nach 94 Minuten noch überhaupt nichts gerettet. Die Handlung ist da noch nicht mal ansatzweise bei so etwas wie einem Höhepunkt im Sinne eines Spannungsbogens angelangt. Im vierten Film der Transformers-Reihe von 2014 liefern sich haushohe Maschinenwesen bombastische 165 Minuten lang Dauer-Schlachten.

Ben Hur gibt es nicht im Fernsehen

Immer öfter sprengen Hollywoods große Blockbuster-Produktionen die Spieldauer von zwei Stunden: "Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere" (2014) etwa dauert 144 Minuten und "Marvel's The Avengers 2" (2015) braucht 142 Minuten bis zum Finale.

Die Filmwissenschaftlerin Robin Curtis von der Uni Düsseldorf glaubt, dass es in der Filmgeschichte immer wieder Phasen gegeben hat, in denen besonders lange Filme produziert wurden. "Ab den späten 50er Jahren etwa stand das Kino in Konkurrenz zum Fernsehen. Hollywood hat damals sehr lange Filme wie 'Ben Hur' produziert, um sich vom Fernsehprogramm abzusetzen", erklärt Curtis.

Die Botschaft: Wer ein wirklich großes Spektakel sehen wollte, musste ins Kino gehen. Epische Monumentalschinken wie "Die zehn Gebote" oder "Ben Hur" fuhren gewaltige bunte Kulissen mit Tausenden Statisten auf und dauern 200 Minuten und länger - das Fernsehen hatte nichts Vergleichbares zu bieten.

Videokassette ließ Filmlängen schrumpfen

In den 70er und 80er Jahren verschwand das Phänomen, die Filme wurden wieder kürzer. Junge Regisseure hebelten die eingefahrenen Film-Gesetze bewusst auf, dekonstruierten klassische Genres - und drehten deutlich kürzere Filme. John Carpenters "Dark Star" etwa dauert 84 Minuten und Dennis Hoppers Road-Movie-Klassiker "Easy Rider" ist nach flotten anderthalb Stunden zu Ende: Die meisten Streifen des sogenannten New Hollywood haben Spielzeiten von deutlich unter 120 Minuten.

Ein weiterer Grund für die schnell erzählten Filme ist ein neues Medium: die Videokassette. Sie kam Ende der 70er Jahre auf, die ersten Betamax-Kassetten hatten Laufzeiten von 120 Minuten. Filme, die deutlich länger waren, ließen sich nur schwer vermarkten.

Das Kino der Attraktionen

Diese Beschränkung spielt in Zeiten von DVD und Bluray keine Rolle mehr. "Ich glaube, dass sich gerade der Blockbuster wieder dem Kino der Attraktionen zuwendet, wie wir es aus der Frühphase des Filmes kennen" sagt Filmwissenschaftlerin Curtis.

Anfang des 20. Jahrhunderts sei es den Filmemachern vor allem darum gegangen, ein Spektakel auf die Leinwand zu bringen: "Da war das Kino vergleichbar mit einem Rummelplatz". Der visuelle Reiz stand im Vordergrund, die Handlung war nicht sonderlich wichtig.

"Das haben wir gerade bei den Kassenschlagern jetzt auch wieder. In den letzten zehn bis 15 Jahren setzt Hollywood sehr verstärkt auf visuelle, computergenerierte Effekte." Solche Effekt-Szenen werden in den neuen Filmen möglichst breit ausgeweitet, glaubt Curtis: "Da wird minutenlang spektakulär zum Beispiel eine Stadt zerstört. Diese Szenen nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Filme werden dadurch besonders lang, ohne dass eigentlich irgendwas erzählt wird."

Guter Riesen-Roboter verhaut bösen Riesen-Roboter

Man könnte diese These recht eindrücklich anhand vor allem der späteren Transformers-Streifen belegen: Guter Riesen-Roboter pfeffert bösen Riesen-Roboter in eine Hochhauszeile - und umgekehrt. Minutenlang geht das so, zig Szenen laufen nach diesem Schema ab.

Transformers: Großteil der Handlung spielt in China

Gut gegen Böse und reichlich Action ohne nennenswerte Handlung führen zu einer besseren internationalen Vermarktbarkeit, glaubt Robin Curtis. "Gerade China ist ein großer neuer Exportmarkt für die Filmproduzenten. Eine komplexe Handlung könnte möglicherweise kulturelle Verständnisschwierigkeiten mit sich bringen. Spezialeffekte und große Bilder hingegen verstehen Menschen auch über kulturelle Unterschiede hinweg", sagt die Filmwissenschaflterin.

Immerhin: Ein beträchtlicher Teil der Handlung von Michael Bays "Transformers: Ära des Untergangs" spielt in China. Das zahlte sich offenbar für die Produzenten aus. Das Roboter-Spektakel spielte dort laut der Online-Kino-Datenbank "Box Office Mojo" über 300 Millionen US-Dollar ein (Gesamteinspielergebnis: 1,1 Milliarden Dollar).

Und der letzte Hobbit-Teil "Die Schlacht der Fünf Heere", der, wie der Titel schon andeutet, vornehmlich stundenlang eine Schlacht zwischen Gut und Böse zeigt, hat nach seinem Start in China allein in den ersten drei Tagen knapp 50 Millionen US-Dollar eingespielt. Bestbesuchter Film derzeit: Der 140 Minuten lange Actionfilm "Fast & Furious 7".

Das Hollywood-Konzept vom Kino der Attraktionen geht international auf. Wahrscheinlich, bis es den Zuschauern dann doch allmählich zu langweilig wird.

* Angegeben sind jeweils die drei erfolgreichsten Filme pro Jahr (nach Einspielergebnis). Die Tabellen erheben nicht den Anspruch auf eine vollständige Statistik, zeigen aber deutliche Tendenzen auf.