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Sommer, schockgefrostet

11.01.2009 | 08:50 Uhr
Sommer, schockgefrostet

Essen. Beklemmend und genau - Christian Petzolds neuer Film "Jerichow". Deutsches Starkino mit Nina Hoss, Benno Fürmann und Hilmi Sözer.

Christian Petzold dreht die vermutlich kühlsten Sommerfilme des deutschen Kinos. Selbst wenn man sich in diesen Tagen seinen neuen Film "Jerichow" ansieht, macht einen dieses beklemmende Sommerschauerstück aus dem deutschen Osten leicht fröstelnd. Denn so knapp, klug und präzise wie Petzold gefriert derzeit kaum ein deutscher Regisseur Sehnsüchte, Ängste und Verzweiflung in einen einzigen beredten Blick, in ein einziges stilles Bild ein.

Info
Jerichow

Deutscher Kinostart: 08.01.2009

Regie: Christian Petzold

Darsteller: Nina Hoss, Benno Fürmann, Hilmi Sözer, André Hennicke u. a.

Trailer

Bilder zum Film

Dieses gekonnte filmische Frostschockverfahren zeigt die Ehe diesmal als emotionale Kältekammer und die Liebe als Gefrierbrand. Nur ganz am Ende steigt eine schwarze, heiße Stichflamme auf in Jerichow, auch sie verheißt nichts Gutes.

Jerichow ist die Heimat von Ali (mit starken Schwächemomenten: Hilmi Sözer), dem türkischstämmigen Kaufmann, dem Imbissketten-König der Region. Er hat ein Haus im Wald, eine schöne, spröde Frau, Laura (Nina Hoss) und ein Alkoholproblem. Als er eines Tages mit seinem Wagen von der Straße abkommt und im Flussbett landet, ist Thomas (Benno Fürmann) zufällig zur Stelle. Thomas ist ein ehemaliger Afghanistan-Soldat, ein mittelloser Heimkehrer, dem das kleine Erbe seiner Mutter gleich in der ersten Szene von alten Weggefährten weggenommen wird.

Die Gurkenernte war wieder hart

Nach ein paar Tagen knochenharter Gurkenernte wird der schweigsame Thomas Alis Fahrer. So bahnt sich eine Dreieckskonstellation an, die Petzold später in geometrische Figuren überführt: Eine blonde Frau, unten im Sand an der Ostsee. Ein Mann, unglücklich gestürzt an den Klippen einer Felswand hängend. Der dritte Mann, Thomas, steht genau dazwischen und hadert diesen entscheidenden Moment. Hin zur verlockenden Frau? Oder dem hilflos-zappelnden Mann helfen? Thomas schnappt sich Alis Arm und kann von nun an nicht mehr loslassen.

Tagsüber fährt er mit Ali die Imbissbuden ab und abends lauert er hinter einem Busch auf einen Blick, eine Berührung von Laura. Es gibt Küsse und Schläge, innere und äußere Verletzungen. Laura gesteht, warum sie den schwer kontroll- und eifersüchtigen Ali geheiratet hat. Und dann gibt es einen Plan, der an James M. Cains Krimi-Klassiker "Wenn der Postmann zweimal klingelt" angelehnt ist.

Trotzdem ist "Jerichow" ein ganz unverkennbarer, von lauter Gegenwarts-Dramen konturierter Petzold-Film. Stilistisch perfekt, aber nicht seelenlos mit seinen schweigsam-spröden Figuren, der geradlinigen und trotzdem geheimnisvollen Dramaturgie und der Abgeschiedenheit Nordwestbrandenburgs. Bei Petzold wirken auch rapsgelbe Landschaften wie gefilmte Leerstände, das hat man ähnlich schon in "Gespenster" und zuletzt in "Yella" gesehen, ebenfalls mit der großartigen Nina Hoss, die diesmal so verkapselt und ausgelaugt wirkt wie selten. "Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat", klagt sie irgendwann in Thomas´ Armen. Und da ist längst klar, dass weder das Geld noch die Liebe in dieser tragischen Geschichte wirklich etwas zum Guten wenden können.

Es ist wieder ein blendend schöner Sommerausflugstag, wenn sich herausstellt, dass die Perspektivlosigkeit diesmal in Todesschwärze umschlägt. (NRZ)

Martina Schürmann

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