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Schuldgefühle einer Verführerin

06.02.2009 | 20:20 Uhr

Berlin. Wohl eher durch Zufall hat die Schauspielerin Kate Winslet in letzter Zeit ein paar Rollen gespielt, in denen sie gelegentlich nackt und bloß vor der Kamera agieren musste.

Vorher und nachher wird vorgelesen: Kate Winslet und David Kross in Stephen Daldrys Film "Der Vorleser". (Foto: Berlinale/ddp)

Für Teile der Presse ist sie damit offensichtlich bereits als verkappte Exhibitionistin abgestempelt. Diesen Eindruck jedenfalls konnte man gewinnen, als man die Oscar-Favoritin jetzt bei der Pressekonferenz anlässlich ihres neuen Films "Der Vorleser" auf der Berlinale erlebte. Der Film läuft im Rahmen des Wettbewerbs außer Konkurrenz.

Nein, antwortete die resolute Engländerin da auf eine dieser indiskreten Fragen, sie habe keinen verstärkten Spaß an solchen Rollen. Es sei einfach ein Teil ihres Jobs, und sie werde sich da nicht beirren lassen. Kritiken liest sie nicht, bunte Klatschpresse schon gar nicht, so etwas komme bei ihr gar nicht erst ins Haus.

Glamour ist denn auch nicht gerade die erste Vokabel, die einem bei Kate Winslet einfällt. Privat ist sie eher eine unscheinbare Frau, die allerdings bereit ist, für jeden Regisseur neue, überzeugende Figuren zu erschaffen. Wenn etwas von dieser Begegnung im überfüllten Pressekonferenzraum in Erinnerung bleibt, dann ist es ihr herzhaftes Lachen. Das erklingt am lautesten, wenn man sie danach fragt, wie es denn gewesen sei, mit einem so jungen Partner wie dem Deutschen David Kross Sex-szenen zu spielen. Nach dem ersten Tag der Bettakrobatik sei da wohl jede anfängliche Scheu bei ihrem Partner gewichen, sei alles "extrem professionell" abgelaufen. Bei David, der direkt neben ihr sitzt, erkennt man derweil eine zarte Röte auf den Wangen.

Kross spielt in der Verfilmung des Bestsellers von Bernhard Schlink den 16-jährigen Michael, der 1958 von der mehr als doppelt so alten Hanna verführt wird. Einmal von ihrem Körper gekostet, wird der Jüngling zum Süchtigen, der seiner Angebeteten vor und nach dem Sex immer wieder aus Büchern vorlesen muss. Acht Jahre später, als Jurastudent, trifft Michael seine Sommerliebe wieder - als angeklagte KZ-Aufseherin, die an der Selektion von Juden beteiligt war und nun für Mord in 300 Fällen lebenslänglich hinter Gitter muss.

Liest sich Schlinks Buch noch als Geschichte Michaels, so verschieben Drehbuchautor David Hare und Regisseur Stephen Daldry nun den Fokus schwerpunktmäßig auf Hanna. Kate Winslets überraschte, ratlose Blicke sind es, die den Film bestimmen. Man spürt, dass sich hier jemand Mühe gibt, den Balanceakt zwischen Scham und langsam sich einstellendem Schuldbewusstsein auszudrücken. Aus Schlinks Versuch, die Gemüts- und Gewissenslage im Nachkriegsdeutschland zu beschreiben, wird so das Drama einer letztendlich immer sympathischer werdenden Täterin.

Für die Bestätigung, dass es sich für Michael um eine Liebesgeschichte mit Nachhall fürs Leben gehandelt hat, ist Ralph Fiennes als gealterter Michael zuständig. Keiner kann wie er Gefühlsverletzte spielen, kann bei Großaufnahmen mit wehen, feuchten Blicken die innere Zerrissenheit derart tragisch widerspiegeln, dass es einem als Zuschauer schon fast zu viel wird. Als Autor habe man beim Schreiben seine eigenen Bilder im Kopf, erklärte Bernhard Schlink in Berlin, der Film zeige andere, mit denen er jedoch auch einverstanden sei. Vor allem aber zeigt er wohl den unbedingten Willen der Macher, mit stark akzentuierter Dramatik aus dem "Vorleser" sicheres Oscar-Material zu schnitzen.

Von Arnold Hohmann

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