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Rachel Weisz in "The Deep Blue Sea" - Eine Frau geht ihren Weg

26.09.2012 | 17:00 Uhr
In ihrem neuen Film „The Deep Blue Sea“ ist Rachel Weisz in einer der besten Rollen ihrer bisherigen Karriere zu sehenFoto: Kinostar Filmverleih/dapd

Essen.  Die Schauspielerin Rachel Weisz als Frau in den 1950er Jahren, die alles hat, außer das Gefühl, begehrt zu werden: In Terence Davies Neuverfilmung des Bühnenstücks „The Deep Blue Sea“ ist die Schauspielerin in einer ihrer besten Rollen ihrer bisherigen Karriere zu sehen.

Englands Kino pflegt die eigene Tradition. Immer wieder suchen Filme in der Rückbesinnung auf bestehende Klassiker die künstlerische Herausforderung einer Neuinterpretation, die dennoch bewusst die Erzählweisen und Gestaltungsmittel des Originals aufgreift. Jüngstes und höchst eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Neuverfilmung des Bühnenstücks „The Deep Blue Sea“.

Hester ist eine schöne Frau. An der Seite des Richters Sir William Collyer führt sie ein Leben der gehobenen Bildung in gediegenem Luxus. Allein es fehlt an Leidenschaft und Erotik, das Schlafzimmer mit den getrennten Betten ist Hester nun ebenso verhasst wie die Rolle des aufmerksamen Söhnchens, die ihr Mann nur zu gerne spielt, wenn am Wochenende der Besuch bei seiner Mutter auf dem Lande ansteht.

Entfesselte Liebe mit Folgen

Und dann lernt Hester Freddie Page kennen, der im Krieg an der Luftschlacht um England teilnahm und nun, knapp sechs Jahre später, nur noch einer von vielen schmucken Helden ohne Lebensinhalt ist. Aber Freddie hat männlichen Charme und Vitalität und das entfesselt Hesters Liebe zu ihm. Dafür nimmt sie die Trennung von ihrem Mann ebenso in Kauf wie Freddies allzu bald erkaltende Leidenschaft. Als er die Trennung in Aussicht stellt, entschließt Hester sich zu einem fatalen Schritt.

Video
Hester wird von ihrem Ehemann verwöhnt, allerdings fehlt echte Leidenschaft. Als sie sich in Ex-Pilot Freddie verliebt, will sie mit ihm ein neues Leben beginnen. Doch der Preis ist hoch … Drama von Terence Davies. GB '11, FSK: frei. Start: 27.09.12

Schwerblütige Romantik durchweht diesen Film, der als Neuverfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks von Terence Rattigan eine ähnliche anachronistische Gratwanderung darstellt wie letztes Jahr die Graham-Greene-Adaption „Brighton Rock“, zu deren Erstverfilmung 1947 Rattigan das Drehbuch verfasst hatte. „The Deep Blue Sea“ ist die verstörend intensive Schicksalsstudie einer Frau, die fast alles hat, was man sich im London der unmittelbaren Nachkriegszeit wünschen kann, nur nicht das Gefühl, begehrt zu werden.

Das Element des Ehebruchs mag 60 Jahre später seinen Skandalkitzel verloren haben, und dass versuchter Selbstmord im England der 1950er noch mit schweren Haftstrafen geahndet wurde, erscheint heute recht befremdend. Es sind aber historisch verankerte Tatsachen, mit denen man sich auseinanderzusetzen hat, wenn man sich in eine solche Epoche begibt. Man schaut sich ja auch kein Shakespeare-Stück an und moniert dann Sprache, Moden oder Moral, nur weil diese heute nicht mehr Anwendung finden.

Sensible Studie einer Frau

Es bleibt aber die sensibel geführte Studie einer Frau (in der Erstverfilmung 1955 von Vivien Leigh gespielt), die gegen jede Vernunft und gesellschaftliche Akzeptanz ihren ganz persönlichen Weg nimmt, was Rachel Weisz zu einer sinnlichen Darstellerleistung inspiriert, die zu den besten ihrer bisherigen Karriere gehört.

Terence Davies, der Hochästhet des zeitgenössischen englischen Kinos, hat dafür einen visuellen Kosmos entwickelt, der zu den Klängen von Samuel Barbers Konzert für Violine und Orchester, Op. 14 das unheilvoll dräuende emotionale Klima kongenial verdichtet. Sobald sich die Stimmung verdüstert, wirken die Bilder seltsam verschleiert, wie in Rauchschwaden getränkt, und es entsteht eine Atmosphäre der Dunkelheit, aus der die Gesichter und Körper sich herausschälen wie gequälte Seelen auf der Flucht vor dem Ersticken. Eine solchermaßen überhöhte Melodramatik passt sicher eher ins Kino der 50er-Jahre denn in unsere Zeit. Die Intensität und Schönheit aber ist von zeitloser Sogkraft.

  • Wertung: drei von fünf Sternen

Tilmann P. Gangloff


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