„Men & Chicken“ – Der Blick in tiefe Abgründe

Drehbuchautor Anders Thomas Jensen provoziert: Im Film „Men & Chicken“ ist besondere Tierliebe Thema.
Drehbuchautor Anders Thomas Jensen provoziert: Im Film „Men & Chicken“ ist besondere Tierliebe Thema.
Foto: Rolf konow
Die bitterböse Komödie „Men & Chicken“ von Anders Thomas Jensen überschreitet die Grenzen des guten Geschmacks. Aber sie ist kurzweilig.

Essen.. Ohne die unermüdliche Arbeit des Regisseurs und Drehbuchautors Anders Thomas Jensen wäre der dänische Film inzwischen gar nicht mehr denkbar. Nicht nur, dass er seine geliebten schwarzen Komödien wie „Dänische Delikatessen“ oder „Adams Äpfel“ selbst inszeniert, er schreibt daneben auch jede Menge Scripts für andere Filmemacher, zuletzt den Western „The Salvation“ für Kristian Levring und das Melodrama „Zweite Chance“ für Susanne Bier.

Mit „Men & Chicken“ legt er nun mal wieder eine eigene Arbeit vor, im Grunde eine Familien-Groteske, in der er aber in der Beziehung zwischen Mensch und Tier gelegentlich Grenzen des guten Geschmacks auslotet.

Die Regeln der Humanmedizin

Es beginnt mit den extrem unterschiedlichen Brüdern Gabriel (David Dencik) und Elias (Mads Mikkelsen, mit furchtbarem Schnauzer), die als Gemeinsamkeit nur eine Hasenscharte anführen können. Ansonsten lehrt Gabriel Evolutionspsychologie an der Uni, während Elias ob seines zwanghaften Onanierens offenbar zu keiner geregelten Tätigkeit in der Lage ist.

Ihr Leben ändert sich schlagartig, als ihr Vater den beiden auf einem posthumen Video mitteilt, dass er sie lediglich adoptiert habe, dass sie von verschiedenen Müttern stammen und ihr eigentlicher Erzeuger der Forscher Evilio Thanatos sei. Gemeinsam bricht man auf zur kleinen Insel Ork, wo der fast 100-Jährige angeblich residiert.

Dass sich hier etwas zusammenbraut, das mit den Regeln der Humanmedizin wohl nicht in Einklang zu bringen ist, wird einem beim Anblick der drei Halbbrüder klar, die in dem halb verfallenen Wohnsitz des leiblichen Vaters inmitten von viel Bauernhof-Getier leben. Alle besitzen sie ebenfalls diese Hasenscharte, alle stammen sie ebenfalls von anderen Müttern ab. Doch bei dem verstockten Gregor (Nikolaj Lie Kaas), dem meist sanften Franz (Sören Malling) und dem aufbrausenden Josef (Nicolas Bro) kommt noch eine gute Portion Jähzorn hinzu, bei der sie mit Tierpräparaten und Nudelhölzern nur so um sich hauen. Andererseits existiert da auch ein brüderlicher Zusammenhalt, wenn Franz den übrigen im gemeinsamen Schlafzimmer als Gutenachtgeschichte aus den Büchern des -Vaters vorliest. Von dem sieht man nichts, der soll angeblich „oben schlafen“, was er in gewissem Sinne auch tut.

Mumifizierte Leiche des Vaters

Autorenfilmer Jensen setzt auf einen makabren Humor, den es auszuhalten gilt. Zum Bespiel gibt es im sexuellen Bereich durchaus Parallelen zwischen Elias und Gregor, nur dass Letzterer seinen Trieb an Hühnern und anderem Getier auslässt, was den feinsinnigen Gabriel schier fassungslos macht. Umgehend beginnt er mit der Evakuierung der Wohnräume, um Mensch und Tier sauber voneinander zu trennen. Doch ob das überhaupt noch funktionieren kann, sei dahingestellt.

Im dicht verrammelten Keller des Hauses jedenfalls muss so manches Geheimnis ruhen, das Gabriel einfach keine Ruhe lässt. Dass der Vater nicht mehr lebt, hat er schon bei einem Besuch in der oberen Etage entdeckt, wo man die mumifizierte Leiche des Alten abgelegt hat.

Wollte man Jensen hehre Ziele unterstellen, dann würde man betonen, dass es in diesem Film um die ewige Suche nach Antworten zur eigenen Existenz und Herkunft geht. Da man ihn allerdings aus seinen früheren Filmen zu kennen glaubt, reizt ihn hier wohl zuvorderst der Versuch, eine schräge Komödie einfach mal im schieren Horror enden zu lassen. Um uns vor Augen zu führen, was Menschen bereit sind, im Namen der Wissenschaft mit anderen Menschen anzustellen. Das allerdings gelingt ihm äußerst kurzweilig.

Wertung: Drei von fünf Sternen