Liebe, Samenspender und Julianne Moore auf der Berlinale
18.02.2010 | 12:09 Uhr 2010-02-18T12:09:00+0100
Berlin.Mark Ruffalo als sympathischer Samenspender. Regen, Hagel und eisiger Wind - Männer und Eisbären auf einer Insel, verstrahlte Fische und die ewige Kraft der Liebe. Es herrscht weiterhin Eiszeit und ein wenig Kuschel-Atmosphäre auf der Berlinale 2010.
Liebhaber bewegter Bilder haben in den vergangenen sieben Tagen eines sicher gelernt: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, mit dem in keinem Fall zu Spaßen ist. Filmemacher geben ihm gerne eine Waffe in die Hand, irgendjemand wird ihm schon vor die durchgeladene Flinte laufen, der es verdient hat zu sterben. Sensible Kinogänger werden das Haus in Zukunft nicht mehr ohne mehrere scharfe Küchenmesser verlassen. Weiß man doch nie, wer einem im Laufe eines langen Tages in den Häuserfluchten bundesdeutscher Großstädte so alles begegnen wird.
Auch wenn man uns immer glauben machen wollte, dass Reden bei und gegen fast alles hilft, wir wissen es spätestens nach dem Wettbewerb der 60. Berlinale besser. Lachen Sie wenig, sprechen Sie nicht. Erst handeln, dann fragen. Waidmanns Heil an dieser Stelle vorab uns allen!
Schuld und Sühne
Mit dem deutschen Debütfilm „Shahada“ von Burhan Qurbani begann der Wettbewerbstag mit Regen und Hagel. Ein Episodenfilm über das Schicksal dreier junger Muslime in Berlin. Maryam, Tochter eines aufgeklärten und zutiefst humanistischen Imams, treibt illegal ab und gerät in eine Spirale der eigenen Schuldgefühle, aus denen es fast keine Befreiung gibt. Samir verliebt sich in seinen Arbeitskollegen Daniel. Polizist Ismail trifft bei einer Razzia die Frau wieder, die vor Jahren durch einen Querschläger aus seiner Waffe lebensgefährlich verletzt wurde und ihr ungeborenes Kind verlor.
Schuld und Sühne, soweit das Auge reicht und am Ende Liebe und Versöhnung, nicht zuletzt durch den eigenen Glauben. Regisseur Qurbani wollte seine Figuren an den Rand des Erträglichen treiben, um sie dann daraus wieder zu befreien. Wie eine schützende Hülle legt sich insbesondere die Filmmusik von Daniel Sus um und über den Film. Burhan Qurbani will viel mit seinem in Berlin spielenden Langfilmerstling. Nicht immer gelingt es ihm, alle Personen und Handlungsstränge zusammenzuführen und -halten. Bei der Vergabe der Bären dürfte er es dabei schwer haben. Sehenswert ist der Film aber allemal.
Sommer, Sonne uns ein Samenspender
Das Highlight des Tages lief außer Konkurrenz im Wettbewerb. „The Kids Are All Right“ von Lisa Cholodenko („Laurel Canyon“) mit den Hollywood-Stars Julianne Moore, Annette Bening und Mark Ruffalo, der bereits mit „Shutter Island“ außer Konkurrenz im Wettbewerb vertreten war. Ein Film der nach fünf Jahren Drehbuchentwicklung von Minute eins an überzeugt und für große Freude und Heiterkeit in einem an Humor nicht gerade reichen Wettbewerb sorgt.
Nic (Annette Bening) und Jules (Julianne Moore) leben seit vielen Jahren zusammen. Ihre beiden Kinder sind fast erwachsen. Tochter Joni, gerade volljährig geworden, steht kurz vor dem Beginn ihres Studiums an einer Elite-Universität. Ihr 15 jähriger Bruder Laser möchte ihren gemeinsamen biologischen Vater kennen lernen. Joni stellt widerwillig den dafür erforderlichen Nachforschungsantrag und kurze Zeit später meldet sich der Samenspender telefonisch bei ihr. Sunnyboy Paul (Mark Ruffalo) betreibt ein Bio-Restaurant, eine kleine Bio-Farm und ist umringt von weiblichen Verehrerinnen.
Bei einem ersten gemeinsamen Treffen verstehen sich die Geschwister hervorragend mit Paul. Als Jules und Nic von dieser Begegnung erfahren, sind sie wenig begeistert. Sie beschließen Paul zu sich einzuladen und mit ihrer Freundlichkeit zu erschlagen. An diesem an nur 21 Tagen abgedrehten Film stimmt alles, insbesondere aber die Besetzung. Regisseurin und Drehbuchautorin Cholodenko verlässt sich zu recht ganz auf das Spiel und die Gesichter ihrer Darsteller, von denen man nicht genug bekommen kann. Mit Paul kehrt das Chaos in das etwas eingefahrene Familienleben ein und wird auf eine harte Probe gestellt. Irrungen, Wirrungen und ein durchaus optimistisches Ende sorgen für 104 mehr als unterhaltsame Minuten.
Gehst du aus dem Haus, vergiss die Waffe nicht
Um die Kritiker und alle anderen geneigten Filmfreunde nach soviel Frohsinn nicht völlig ausflippen zu lassen, wurde der Wettbewerbstag folgerichtig mit Alexei Popogrebskys Polar-Thriller „Kak ya provel etim letom“ (How I Ended This Summer) frostig beendet. Die Zusammenfassung im begleitenden Festival Katalog ließt sich so kurz wie einprägsam: „Ein Ort. Ein Tag. Zwei Männer.“
Der Ort ist eine Polarstation auf einer einsamen Insel im Meer. Wir ahnen von Beginn an, von da aus schwimmt es sich nicht einfach mal ans Festland. Der Tag dauert in diesen Breitengraden Wochen. Die alte Forschungsstation ist längst verlassen. Irgendwo strahlt ein alter Reaktor vor sich hin. Der erfahrene, schweigsame Meteorologe Sergei und der Hochschulabsolvent Pavel sind die einzigen verbliebenen Bewohner. Beide erwarten ein Schiff, dass sie zurück aufs Festland bringen soll. Als Sergei auf einer mehrtägigen Angeltour ist, erreicht Pavel ein Funkspruch, den er nicht vor Eintreffen des Schiffes weitergeben will.
In fast dokumentarischen Bildern begleitet der Film seine beiden Hauptdarsteller, die nach einer vorsichtigen Annäherung zu Feinden werden. Die langen Einstellungen in die beschränkte Öde der Insel sind Fluch und Segen des Films. Atmosphärisch führen sie die Zuschauer tief in die Eiszeit, sorgen aber auch für Längen im gut zwei Stunden dauernden Film. In das Gesicht des jugendlichen Pavel, der auf Abenteuer aus war, frisst sich die raue Natur und der Kampf ums Überleben. Meteorologe Sergei, die eiserner Mine von Schauspieler Sergei Puskepalis, scheint wie für diesen Film gemacht, wird zum ruhelosen Eisbären, dem man nie ohne geladener Waffe begegnen sollte. Getrieben von seiner eigenen Paranoia bewegt sich Pavel über die Insel. Die Vergabe des Bären für den besten männlichen Hauptdarsteller wird 2010 keine leichte Aufgabe für die Wettbewerbsjury um ihren Präsidenten Werner Herzog.
Und sonst?
Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ bringt hierzulande bekannte Film- und Fernsehgesichter wie Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Armin Rohde und Hauptdarsteller Tobias Moretti auf den roten Teppich.
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