Kinobesuch der Nordkorea-Satire als politisches Bekenntnis

Der nach Terrordrohungen zunächst gestoppte Film  „The Interview“ lief in einigen US-Kinos jetzt doch an.
Der nach Terrordrohungen zunächst gestoppte Film „The Interview“ lief in einigen US-Kinos jetzt doch an.
Foto: imago/Levine-Roberts
Was wir bereits wissen
Amerikaner stürmten die Kinos, in denen die Nordkorea-Satire lief. Es war eine Demonstration gegenSelbstzensur und für Meinungsfreiheit. Der Film „The Interview“ verdient die Aufmerksamkeit nicht

Washington.. Für Josh Levin, Programmkino-Macher in Washington, war Weihnachten ein Geschenk aus Hollywood. „Das Telefon stand nicht mehr still, alle wollten plötzlich Tickets“. Wer in seinem „West End-Kino“ einen von 70 Plätze ergattern wollte, um den von Anschlagsdrohungen einer Internet-Hacker-Gruppe überschatteten Nordkorea-Film „The Interview“ zu sehen, hatte früh das Nachsehen: „Wir sind ausverkauft bis Samstag.“

Levins Erfahrung ist kein Einzelfall. Nachdem Sony Pictures auch auf Drängen von Präsident Obama die als Satire gedachte Haudrauf-Story über einen hanebüchenen Komplott gegen Diktator Kim Jong Un für landesweit 300 ausgewählte Kinos und diverse Internet-Plattformen doch noch freigegeben hatte, stimmten Zehntausende Amerikaner mit den Füßen oder einem Mausklick ab: gegen Selbstzensur und für die Meinungsfreiheit.

In dem kalauerlastigen, grell überzeichneten Film übernehmen ein Hollywood-Klatsch-Fernsehreporter und sein Produzent den Auftrag des Geheimdienstes CIA, einen fiktiven Kim Jong Un während eines Interviews mittels eines völkerverbindenden Händedrucks ins Jenseits zu befördern. Leider isst ein Lakai des Diktators das Giftpflaster vorher auf.

Kino Offizielle nordkoreanische Stellen sehen in der Klamotte auf Bully Herbig-Niveau eine „unverzeihbare Verhöhnung unserer Souveränität und der Würde unseres obersten Führers“ und kündigten massive Konsequenzen an. Die Hacker-Gruppe „Guardians of Peace“, die von der Bundespolizei FBI mit der nordkoreanischen Regierung in Verbindung gebracht wird, drohte mit Terroranschlägen auf US-Kinos, in denen der Film gezeigt werden sollte. Als Sony und große Kino-Ketten kurz vor Weihnachten einen Rückzieher machten, regte sich vielerorts Protest, dem sich die Filmindustrie letztlich beugte.

Viel Kritik aus der Fachwelt für "The Interview"

„Ich lasse mir doch nicht von einem Vierte-Welt-Land sagen, welche drittklassigen Komödien ich sehen darf“, sagte mit einem Augenzwinkern stellvertretend für viele die 64-jährige Dorothy, bevor sie am ersten Weihnachtstag in Washington den Film anschaute.

In der Fachwelt bekam „The Interview“ einiges Fett weg. Das New Yorker Magazin „Village Voice“ sprach von „gekünstelter Absurdität“. Die Los Angeles Times hält den Begriff Satire für die Hinrichtung des Diktators für zu hoch gegriffen. Dagegen sah die Washington Post in dem Film eine politische Botschaft. Wenn der Blödel-Journalist den Diktator fragt, warum sein Land Milliarden ausgibt für den Bau von Atomwaffen, während es jährlich 100 Millionen Dollar von den Vereinten Nationen erbettelt, um die Bevölkerung vor dem Hungertod zu bewahren, „wird die Legitimität des Regimes herausgefordert“. Ganz anders die New York Times, die den Kopf über die hyperventilierenden Kritiker in Pjöngjang schüttelt: „Rätselhaft, wie ein so harmloser Streifen solche teuflischen Reaktionen hervorrufen kann.“

Hunderttausende luden weltweit den Film über illegale Internetseiten herunter

Aber was, wenn gar nicht Nordkorea hinter dem digitalen Einbruch in die Datenbänke von Sony steckt, mit der die ganze Sache ins Rollen kam? Internetexperten nahmen gestern die angebliche Beweiskette des FBI gegen das Regime in Pjöngjang auseinander. Sie sahen sich bestätigt, als eine weitere Hacker-Gruppe („Lizard Squad“) auftauchte und die Urheberschaft für Angriffe auf den Internet-Daddel-Konsolen-Hersteller Microsoft beanspruchte. Deren XBox wurde in den USA neben Google Play, YouTube Movies und einer separaten Internetseite von Sony ebenfalls mit einem Stream von „The Interview“ bestückt. Kostenpunkt: 5, 99 Dollar.

Abgesehen davon luden Hunderttausende weltweit den Film über illegale Internetseiten herunter. „Für Sony ist das alles Werbung von unschätzbarem Ausmaß“, sagte David Miller (24) aus Georgetown, als im Kino im Abspann das alte Scorpions-Lied „Wind of Change“ erklang, „vielleicht haben wir gerade die raffinierteste Marketingaktion aller Zeiten gesehen.“