Kafka, Knarren und ein Kreuzzug
02.09.2008 | 06:58 Uhr 2008-09-02T06:58:00+0200
An Rhein und Ruhr. Sogar Morgan Freeman ballert herum - Timur Bekmembetov hat seinen ersten Hollywood-Film gedreht- "Wanted".
Deutscher Filmstart: 04.09.2008
Regie: Timur Bekmambetov
Darsteller: James McAvoy, Angelina Jolie, Morgan Freeman, Thomas Kretschmann
Im Kampf um die Zuschauergunst tut sich Hollywood jetzt schon mit dem traditionellen Erzfeind zusammen, schließlich geht es um das Schicksal der gesamten Menschheit. Für "Wanted", den ersten Film des russischen Regisseurs Timur Bekmembetov aus L.A., drückten die Produzenten von Universal Pictures dem gebürtigen Kasachen rund hundert Millionen Dollar in die Hand, zusammen mit einem Drehbuch, das auf einem Comic basiert.
Bekmambetov sollte aus der grafischen Vorlage ähnlich düstere Breitleinwandepen schaffen wie aus den russischen Fantasy-Wälzern "Nochnoi dozor" und "Dnevnoi dozor" ("Wächter der Nacht", Wächter des Tages"), die in ihrer Heimat und auf den Berlinalen 2006 und '07 Kultstatus errangen.
Bekmambetov enttäuscht auch diesmal weder seine Geldgeber noch seine Fans. Kafka hoch Platzangst, das ist die Grundstimmung, die er heraufbeschwört. Die Probleme, die dahinterstecken, werden amerikanisch leicht gelöst: Man braucht nur ein bisschen übermenschliche Kraft und tödliche Wunderwaffen.
So träumt sich der von Mobbing und Beziehungsfrust gebeutelte Versicherungsangestellte Wesley (James McAvoy) an seinem Schreibtisch ins rächende Heldentum - prompt taucht ein höheres Wesen in schwarzem Leder auf (Angelina Jolie, wer sonst), das alle Wünsche wahr werden lässt. Wer würde da Nein sagen?
Auch zu Morgan Freeman sagt man nicht Nein, wenn er Bösewichter mit einem gezielten Schuss aus dem Verkehr zieht, bevor sie etwas Böses getan haben. Logik, Moralempfinden und Geschichtsverständnis müssen draußen bleiben, denn von nun an regieren in "Wanted" die Schicksal-webenden Moiren der griechischen Mythologie mit blutiger Hand. Töte einen, rette Tausende, heißt die Devise ihrer göttlichen Handlanger auf Erden. Und weil das gut klingt und mit Hilfe eines ganzen Bataillons digitaler Spezialkräfte noch besser aussieht, verfällt man lieber gar nicht erst ins Nachdenken.
Bekmambetov, ein in tiefster Seele befriedeter Ex-Sowjet, besteht im Interview jedoch auf dem grundguten Sinn hinter "Wanted": "Stellen Sie sich vor, was man mit solchen Helden alles hätte verhindern können, Stalin, Hitler und auch Hamlet."
Mit den Reaktionen eines Insekts
Schade nur, dass ausgerechnet die drei nicht auf der Liste von Jolie, McAvoy & Co. standen. Stattdessen müssen sie sich im Chicago von heute um die Exekution von potenziellen Attentätern, Terroristen und Vatermördern kümmern. Letzteres wird zum persönlichen Kreuzzug von Büro-Wesley, der sich dafür sogar das Reaktionsvermögen eines Insekts antrainiert und mit Pistolen um die Ecke schießen lernt, um fortan lustvoll Blut über die Leinwand spritzen zu lassen.
"Wer's lieber gewaltfrei hat, kann sich ja ein Ticket für den familienfreundlichen Trickfilm im Kino nebenan kaufen", zuckt Bekmambetov kasachisch lässig mit den Schultern.
Mit den ungleich werbewirksameren Sprachregelungen der US-Kino-Industrie scheint sich Bekmambetov noch nicht vertraut gemacht zu haben. Das kann nur eine Frage der Zeit sein - in Sachen Tiefgang und Optik hat er sich schon formidabel angepasst. (NRZ)
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