In "Still Alice" ringt eine Sprachprofessorin um Worte

"Wie geht es dir eigentlich?" fragt die Tochter (Kristen Stewart, re.) ihre Mutter (Julianne Moore). Die Antwort ist erschreckend.
"Wie geht es dir eigentlich?" fragt die Tochter (Kristen Stewart, re.) ihre Mutter (Julianne Moore). Die Antwort ist erschreckend.
Foto: Polyband/dpa
Was wir bereits wissen
In "Still Alice" spielt Julianne Moore eine an Alzheimer erkrankte Linguistik-Professorin. Dafür bekam sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin.

Essen.. Zunächst sind es nur einzelne Worte, die Alice Howland plötzlich entfallen. Sie verschwinden für Momente in einem Nebel, der sich bald wieder lichtet. Das lässt sich noch problemlos überspielen. Mal mit einer brillanten Umschreibung, mal mit einem locker hingeworfenen Scherz. Die Sprache war schließlich schon immer die Welt der renommierten Linguistik-Professorin. Aber eine Irritation bleibt nach diesen kleinen Aussetzern trotz allem zurück.

Etwas stimmt nicht mit der von Julianne Moore gespielten Alice. Das deuten Richard Glatzer und Wash Westmoreland in ihrer Verfilmung von Lisa Genovas Roman "Still Alice" von Beginn an ohne Umschweife an.

Zunächst sind es nur Kleinigkeiten. Aber spätestens in dem Moment, in dem Alice auf dem Campus der Columbia University steht und nicht mehr weiß, wo sie gerade ist, wird die Ahnung zur Gewissheit.

Leere und Angst ringen miteinander

Die Kamera ist in diesem Augenblick ganz nah an Julianne Moore dran. Die Welt um sie herum verschwindet in Unschärfe. Nichts ist mehr zu erkennen außer ihrem Gesicht, in dem Leere und Angst miteinander ringen.

Dann, nach endlosen Sekunden der Orientierungslosigkeit, kommt die Welt zurück. Was für eine Erlösung. Alice wird wieder ein Teil des geschäftigen Treibens um sie herum.

Doch schon in diesem Moment setzt sich ein Rest dieser absoluten Leere, dieses Gefühls, nichts und niemanden zu kennen, nicht einmal sich selbst, in ihr fest. Wenig später wird die gerade 50-jährige Dozentin erfahren, dass sie an einer seltenen, extrem früh einsetzenden Form von Alzheimer erkrankt ist.

Wash Westmoreland und Richard Glatzer, der an ALS, einer degenerativen Erkrankung des zentralen Nervensystems, leidet, nähern sich Alices Krankheit mit einer bemerkenswerten Nüchternheit. Sie beschönigen kaum etwas.

Eine seltene Form der Erkrankung

Die rapide fortschreitenden Alzheimer-Symptome löschen nicht nur das Gedächtnis der Linguistin aus und berauben sie ihrer Sprache, die so zentral für ihr Selbstverständnis war. Die Schrecken ihrer Erinnerungs- und Ich-Losigkeit erfassen auch ihre Familie.

Zum einen haben ihre Kinder mit dem Wissen zu kämpfen, dass diese spezielle Form der Krankheit vererbbar ist. Zum anderen kollidiert Alices Leiden tagtäglich mit den Wünschen und Zielen ihrer nächsten Angehörigen. So will ihr Mann John (Alec Baldwin), der die neue Realität zunächst einfach verleugnet, auf keinen Fall auf seine Karriere verzichten.

Und auch ihre ältesten Kinder, die Anwältin Anna (Kate Bosworth) und der Arzt Tom (Hunter Parrish), bleiben auf Distanz. Nur Lydia (Kristen Stewart), die jüngste der drei Geschwister, kommt ihrer Mutter durch deren Krankheit wieder näher.

Wunsch nach selbstbestimmtem Tod

Einmal nimmt Alice ein Video auf, in dem sie ihrem späteren Selbst detaillierte Anweisungen für einen Selbstmord gibt. Schon dieser Augenblick hat etwas Herzzerreißendes.

Der gefasste Ton, mit dem die für diese Rolle mit seinem Oscar ausgezeichnete Julianne Moore in die Kamera ihres Computers spricht, und der beinahe emotionslose Ausdruck in ihrem Gesicht zeugen von einem schmerzlichen Ringen um Würde und von einer übermächtigen Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Tod.

Wenn ihr sonst schon nichts bleibt, soll wenigstens der Zeitpunkt des Endes ihre Entscheidung sein.

Der intensive Kampf gegen die Krankheit

Als Alice das Video auf ihrem Computer wiederfindet, ist es allerdings schon zu spät. Ihr Kurzzeitgedächtnis reicht nicht mehr aus, um ihren eigenen Anweisungen zu folgen. Trotzdem versucht sie es wieder und wieder.

Kino Die Situation entwickelt sich zu einer Miniatur-Tragödie. Immer wieder geht Alice die gleichen Wege und führt dabei einen letzten, verzweifelten Kampf gegen die Krankheit, bei dem jeder Gedanke an Würde schon vergessen ist.

Julianne Moore porträtiert Alices vergebliche Anstrengungen mit einer schier überwältigenden Intensität. Sie geht ganz in diesem bitteren Wechselspiel von Zielstrebigkeit und Vergessen auf.

Näher als in diesen überwältigenden Momenten kann ein Film dem, was es heißt, mit Alzheimer zu leben, kaum noch kommen.

Wertung: Vier von fünf Sternen