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Filmkritik

"Gnade" - Die Verzweiflung eines Paares in polarer Kälte

16.10.2012 | 18:59 Uhr
"Gnade" - Die Verzweiflung eines Paares in polarer Kälte
An dieser Stelle ist ein junger Mensch gestorben: Szene mit Jürgen Vogel aus Matthias Glasners Film „Gnade“.Foto: Alamode

Essen.  Hammerfest in Norwegen ist nicht gerade der typische Drehort für einen deutschen Film. Aber Regisseur Matthias Glasner ist bekannt für seine Vorliebe von Extremen. In „Gnade“ schickt er ein Ehepaar quasi zur Therapie in die polare Kälte. Mit schrecklichen Konsequenzen.

Es muss schon einen verdammt guten Grund geben, wenn ein deutsches Ehepaar samt Sohn plötzlich nach Hammerfest in Norwegen übersiedelt, einer der nördlichsten Kommunen der Welt. Eine Stadt, in der von Mitte Mai bis Mitte Juli die Sonne nicht untergeht und, schlimmer noch, in der es von Mitte November bis Mitte Januar auch nie hell wird - Polarnacht. Dass es Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) in Matthias Glasners Film „Gnade“ dorthin verschlägt, ist mit dem guten Job des Mannes in einer Gasverflüssigungsanlage allein nicht erklärbar.

Mit dem Wort Treue kann Niels nicht viel anfangen

Viel eher scheint es denn auch die verfahrene Situation dieser Ehe zu sein, die das Vorhaben beschleunigt. Niels hat es mit der Treue zu seiner Frau nie sehr ernst genommen, offenbar aber hat „die Kleine in Kiel“ das Fass zum Überlaufen gebracht. Innerlich hoffen beide darauf, in einer extremen Gegend von neuem wieder zueinander zu finden. Dann aber gibt es doch wieder einen Seitensprung, sogar im eigenen Wohnzimmer, während Maria ihrem Job in einem Sterbehospiz nachgeht.

Glasner ist ein Regisseur, der den Zuschauer herausfordern will. Sein ungeschminktes Vergewaltiger-Porträt „Der freie Wille“ (auch mit Jürgen Vogel) war so etwas wie eine filmische Rasierklinge. So weit geht „Gnade“ sicher nicht. Doch die Tatsache, dass erst ein junger Mensch sterben muss, von Maria auf dem Nachhauseweg in der ewigen Dunkelheit überfahren, damit das Paar wieder näher zusammenrückt, das ist schon eine bedrückende Vorstellung. Schuld laden beide auf sich: Sie, weil sie nach dem Aufprall einfach weiter fährt; er, weil er zwar noch einmal die Strecke abfährt, aber zu nachlässig bei der Suche ist. Der nächste Tag bringt schreckliche Gewissheit.

Der Zuschauer wird hineingesogen

Die großartigen Bildpanoramen, in denen diese frostige Landschaft eingefangen wird, saugen den Zuschauer förmlich hinein in diesen Film. Dort hockt er dann eng mit zwei Menschen zusammen, die ihm als Protagonisten auch auf Dauer nicht sehr sympathisch werden. Zwar gibt Niels im Zuge seines schlechten Gewissens auch seine Affäre auf, dafür aber besitzt er genug Planmäßigkeit, um den Unfallwagen neu zu lackieren. Maria bewundert man zwar ihrer aufopferungsvollen Arbeit wegen, ihr fortwährendes Selbstmitleid jedoch ist nur schwer erträglich.

Auf Dauer aber ist diese Existenz für beide so nicht mehr lebbar. Was sie verzweifelt suchen, um ihren Mitmenschen wieder offen in die Augen sehen zu können, das ist Vergebung und die im Titel bereits genannte Gnade. Die Vorstellung davon, dass mit ein paar offenen Worten wieder alles so wie früher sein könnte. Dass Glasner schließlich eine Art Utopie ans Ende setzt, wird nicht wenige Zuschauer verprellen. Aber so sind sie, die Filme von diesem Regisseur. Letztlich mag man sie gerade darum.

Arnold Hohmann


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