Gabourey Sidibe erobert die Herzen der Amerikaner
14.12.2009 | 00:55 Uhr 2009-12-14T00:55:00+0100
Washington. Schauspielerin Gabourey Sidibe rührt die Amerikaner zu Tränen. "Precious" von Regisseur Lee Daniels ("Monster's Ball") ist alles andere als leichte Kost und Oscar-verdächtig.
Amerikas neuer Filmliebling ist stark übergewichtig und zudem noch tiefschwarz. Und der Film mit der Debütantin Gabourey Sidibe in der Hauptrolle ist alles andere als leichte Kost.
„Wenn die Leute mich sehen, erwarten sie nicht viel.” Dass sie alles andere als eine Schönheit nach landläufigen Vorstelllungen ist, weiß Gabourey Sidibe selbst am besten. Doch mit ihrer warmen Ausstrahlung, ihrem Mutterwitz und der quirligen Lebendigkeit, die sich auf stattliche 168 Kilogramm Körperfülle verteilen, rührt sie seit einigen Wochen die Herzen Amerikas. Die „New York Times” widmete der Schwarzen aus Harlem die Titelgeschichte ihres Wochenendmagazins. Und in den Talkshows der US-Sender ist die Film-Entdeckung des Jahres mittlerweile Dauergast.
Ihr fliegen die Herzen nur so zu
Seine Welt
Der schwarze Regisseur Lee Daniels war ein Unsichtbarer wie Precious, er wuchs als schwuler Junge in einem schwarzen Getto auf. Er tue nichts anderes, als die Welt zu zeigen, aus der er stammt. „Bevor Obama gewählt wurde, hatte ich zwei Gesichter", sagt der Regisseur. „Eines für die weiße Welt und eines für die schwarze Welt." Jetzt hingegen sei es für ihn absolut in Ordnung, als Schwarzer aufzutreten.
Gabourey, die alle Welt nur Gabby nennt, fliegen die Herzen nur so zu. Und das hat die 26-jährige New Yorkerin einem Film zu verdanken, der tatsächlich alles andere als vergnügliche Kost ist. „Precious”, „kostbar”, heißt der Streifen des afro-amerikanischen Regisseurs Lee Daniels. Erzählt wird die abgrundtief traurige Geschichte einer 16-Jährigen, deren Leben ein einziges Martyrium ist. Von der Mutter verprügelt, vom Vater missbraucht, als Teenager schon Mutter zweier Kinder, dazu noch Analphabetin und HIV-positiv – „Precious”, schon der Titel klingt wie Hohn, ist tatsächlich das Gegenteil des politisch Korrekten, wie Daniels der „Times” erzählte.
„Precious” wird gehänselt und gequält, bis eine alternative Schule sie aufnimmt, die den Ausgrenzten des amerikanischen Traums eine Chance bietet.
Dass Amerika bereit ist, sich auf eine solche Geschichte aus dem Elend der Schwarzengettos einzulassen, zeigt die Wandlung des Landes in der Obama-Ära. Inzwischen gelten „Precious” und Sidibe sogar als heiße Anwärter für den nächsten Oscar.
Sie wollte Psychologie studieren
Von einer Filmkarriere hat die Tochter eines senegalesischen Taxifahrers und einer Sonderschullehrerin freilich nie geträumt. Gabourey ist so tiefschwarz, wie Hollywood es eigentlich nicht gern sieht.
In einem Telefon-Callcenter verdiente sie ihr Geld, das sie für ein Psychologiestudium sparen wollte, als sie per Zufall und von ihrer Mutter ermuntert an einem offenen Casting für die „Precious”-Hauptrolle teilnahm. Regisseur Daniels, der schon mit „Monster Ball” ein Oscar-gekröntes Sozialdrama mit Halle Berry in der Hauptrolle schuf, suchte ein übergewichtiges schwarzes Mädchen ohne jede Schauspielerfahrung. Vom Fleck weg wurde Gabourey nach ihrem Vorsprechen unter 400 Kandidatinnen engagiert. „Sie haute mich um”, sagt Daniels. Seit „Precious” auf diversen Festivals gezeigt wurde, wird der Film mit Preisen überhäuft. Und als Co-Produzentin für den acht Millionen Dollar teuren Film hatte Daniels Amerikas Talk-Ikone Oprah Winfrey gewinnen können, die als Kind selbst missbraucht wurde.
Oprah Winfrey und Mariah Carey
Bei den großen Hollywood-Studios war Daniels mit seinem Film-Projekt zuvor noch auf Betonwände gestoßen. Seit Oprah wiederum die Werbetrommel für „Precious” rührte, ist der Film auch in den US-Kinos ein Kassenschlager. In einer Nebenrolle glänzt überdies, ungeschminkt und in ungewohnt tristen Klamotten, Pop-Diva Mariah Carey. Bei ihrem Filmdebüt freilich spielt Gabby mit ihrer beeindruckenden Präsenz alle an die Wand. Im Funkeln ihrer Augen spiegeln sich ihre Seelenzustände. Gabourey ist ein Naturtalent, das ein Stück weit jetzt darunter leidet, derart mit der Filmfigur identifiziert zu werden, dass ihre Fans sie überall mit „Precious” statt ihrem wahren Namen anreden. Für viele Ausgrenzte ist sie über Nacht ein Hoffnungsträger geworden, der sich von schlimmsten Widrigkeiten des Lebens nicht unterkriegen lässt und ihre, wenn auch winzig kleine Chance, nutzt.
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