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Es war einmal - in Europa

27.12.2007 | 19:58 Uhr

KINO. "Tödliche Versprechen" ist David Cronenbergs "Pate", ein Meisterwerk in der Tradition des Mafiafilm-Genres.

DÜSSELDORF. Leise köchelt der Borschtsch. Man kann ihn fast durch die Leinwand riechen: würzig, schwer, intensiv. Semyon, russischer Einwanderer, Familienoberhaupt und Besitzer eines Restaurants im Herzen von London, kennt das Geheimnis seines Borschtsch, es liegt in der Tradition, mit der jede Familie ihren eigenen Borschtsch braut.

Das wohl bekannteste russische Gericht ist aber nicht der Grund, warum Hebamme Anna (Naomi Watts) in Väterchen Semyons (Armin Müller-Stahl) Küche steht und fasziniert seinen mit leiser Stimme und großer Geste vorgebrachten Weisheiten lauscht. Vielmehr hat Anna Semyons Visitenkarte in dem in kyrillischer Sprache verfassten Tagebuch eines 14-jährigen Mädchen gefunden, das kurz nach der Geburt ihres Babys an Entkräftung starb. Anna will den Vater finden. Semyon bietet ihr an, das Tagebuch zu übersetzen.

Der Auftakt von "Tödliche Versprechen" - der Fememord auf dem Rasierstuhl eines türkischen Barbiers, der verblutende Teenager im Kreißsaal, die kulinarische Eloge auf die russische Seele - verspricht nichts weniger als ein Meisterwerk in der Tradition des Mafiafilm-Genres. Und tatsächlich ist "Tödliche Versprechen" David Cronenbergs "Pate".

Primitive Form des Kapitalismus

Erwartet hätte man das wohl nicht von dem kanadischen Regisseur, der bisher für seine kopflastigen Analysen von Identitäten an skurrilen Orten ("eXistenZ") und für absonderliche Methoden ("Crash") bekannt war. Und für seine visualisierten Mutationen an Körper ("Die Fliege") und Geist ("Spider") verehrt wurde. Ein Cronenberg-Film ließ sich immer nur schwer in eine Schublade stecken. In "Tödliche Versprechen" aber bedient er sich mit Hilfe des britischen Drehbuchautors Steven Knight ("Dirty Pretty Things") ganz ungehemmt und aus dem Bauch heraus der Konventionen des Gangster-Films: "Nicht zuletzt, weil sich damit die Charaktere und ihre Handlungen fast von selbst erklären", sagt Cronenberg im Gespräch.

Figuren etwa wie Semyon, der mit Liebe ein Restaurant führt und mit eiserner Hand die Halbwelt aufmischt. Oder Kirill (Vincent Cassel), sein Sohn, der mit fiebrigem Mordseifer den Respekt des Vaters erkaufen will. Und Nikolai (Viggo Mortensen), Kirills Chauffeur und Handlanger, der sich mit kühler Ruhe seinen Weg nach oben bahnt, dabei aber Beschützerinstinkte gegenüber Anna entwickelt, die ihn in Gefahr bringen.

Man kennt diese Typen aus "Good Fellas" und dem "Paten". So war es einmal in Amerika. Und so ist es jetzt in Europa? "Es ist mit der Zeit der Prohibition in Amerika durchaus vergleichbar", zieht Cronenberg Parallelen. "Eine primitive Form des Kapitalismus, der sich da mit roher Gewalt seinen Weg gebahnt hat. Das sieht man etwa an den russischen Oligarchen, die illegal sehr schnell zu sehr viel Geld gekommen sind und es nun legal in großen Geschäften verwalten." Doch das russische Temperament ist ein anderes als das amerikanische. Es ist "fatalistisch, düster, emotional, mit einem gewissen Touch Religiosität".

Dieses Temperament lässt Cronenberg seinen Film regieren. Er ritzt es buchstäblich in den Körper von Mortensen, in einer sakralen Szene, in der ihm die Insignien des inneren Mafia-Zirkels eintätowiert werden. Oder beim Kampf auf Leben und Tod in einem russischen Dampfbad, bei dem Nikolai schmerzlich nackt und hoch verletzlich zwei tschetschenischen Messerstechern ausgeliefert ist. Ein Kampf, bei dem es um weit mehr geht als das bloße Überleben, vielmehr ist er die konsequente Weiterführung von Dostojewskis "Schuld und Sühne"; von Gewalt, die Gegengewalt erzeugt, von "A History of Violence".

Der Kopf und der Körper

Jener Film markiert die erste grandiose Zusammenarbeit von Cronenberg mit Mortensen. Hier nun beweist sich, dass der kopflastige Regisseur seinen passenden Leinwandkörper gefunden hat. "Tödliche Versprechen" ist ein perfekter filmischer Borschtsch. (NRZ)

EDDA BAUER

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