Erster-Klasse-Erleuchtung
02.01.2008 | 23:17 Uhr 2008-01-02T23:17:31+0100KINO. Wes Andersons unglaubliche Reise in einem verrückten Zug: "Darjeeling Limited", eine skurrile Indien-Expedition.
DÜSSELDORF. Es ist zugegebenermaßen nicht ganz leicht, in der realen Welt einen angemessenen Platz für Wes Andersons verschrobenes Kino-Personal zu finden. Deshalb baut der Regisseur seinen wundersamen Menschen auch gerne ein Wunderbiotop, seltsam künstliche Schau-Spiel-Räume, die von der Lust am Fabulieren und der Freude am skurrilen Dekor erzählen. In den "Royal Tenenbaums" war das noch ein dunkeldüsteres Wohnhaus, für die "Tiefseetaucher" hat Anderson ein Forschungsschiff wie eine Puppenstube aufgeschnitten. Und nun sitzen seine drei etwas fremdelnden Brüder Francis (Owen Wilson), Jack (Jason Schwartzman) und Peter (Adrien Brody) in einem leuchtend orangen Zug im indischen Irgendwo: im "Darjeeling Limited".
Ihr Ziel ist natürlich mehr gegenseitiges Verständnis, spirituelle Erleuchtung, Selbstfindung und die Mutter (Anjelica Huston), die nach dem Tod des Vaters in einem indischen Kloster abgetaucht ist. Ein wenig Lebensflucht ist freilich auch dabei: Jack hat Liebeskummer, Peter hadert mit dem Vaterwerden, und Francis' bandagierter Kopf erinnert nach einem offenbar nicht ganz unfreiwilligen Motorradunfall an die zerbeulte Visage von Rocky in Runde 12; ein angeschlagener Zustand, der nach dem bekannt gewordenen realen Selbstmordversuch von Owen Wilson nicht ganz einer traurigen Pikanterie entbehrt.
Man würde den Film gerne riechen
Bis die Geschichte der brüderlichen Zug-Zusammenführung in Fahrt kommt, nimmt Anderson aber einen weiten Anlauf. Schickt dem Selbstfindungstrip seiner Indien-Reisenden zunächst einen 13-minütigen Kurzfilm "Hotel Chevalier" voraus. Vom charmanten Geträller des Joe Dassin-Schlagers "Les Champs-E?lyse?es" und der überwältigenden Präsenz Natalie Portmans getragen, stolpert der Hauptfilm in Person von Bill Murray dann nach Indien, das bei Anderson aussieht wie ein postkoloniales Aussteiger-Ideal - ein Traum aus magischem Licht, strahlenden Farben, freundlichen Menschen und duftenden Currys. Hätte das Kino neben Dolby-Surround auch einen Geruchskanal, könnte man sich an diesem Film sattriechen.
Was das tolle Design an Originalität verspricht, vermag die Geschichte nicht immer zu halten. Die Gleichform der Fahrt überträgt sich auf den Film. Ein dahintreibender Strom aus komisch-stoischer Mimik, leiser Melancholie und Running Gags, die die Handlung nicht so richtig von der Stelle bringen. Das leicht verzögerte Timing ist freilich ein Kunstkniff, das Reisemotiv zu variieren und in die schräge Anderson-Welt hineinzupassen.
Und so erzählt "Darjeeling Limited" eine manchmal ziemlich komische, etwas unwirkliche Geschichte vom Suchen und Verlieren der kleinen Dinge: Giftige Schlangen und Schuhe gehen dabei ebenso verloren wie die Zuneigung der indischen Schaffnerin nach dem nächtlichen Ein-Stationen-Stand. Irgendwann tritt auch der Tod auf den Spielplan, doch im Strom der Absurditäten markiert auch dieser Zwischenfall keine wirklich dramatische Wendung.
Wenn die Brüder am Ende schließlich ihr Louis-Vuiton-Gepäck endlich abwerfen wie lästigen Lebensballast, wirkt die ganze Handlung ein bisschen verschleppt. (NRZ)
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