Ein universaler Held
21.01.2009 | 18:46 Uhr 2009-01-21T18:46:00+0100
Köln. „Operation Walküre” hat beim Start in den USA 30 Millionen Dollar eingespielt. Tom Cruise als Hitler-Attentäter Stauffenberg: Eine amerikanische Einladung zur Beschäftigung mit der deutschen Geschichte.
Deutscher Kinostart: 22.01.2009
Regie: Bryan Singer
Darsteller: Tom Cruise, Kenneth Brannagh, Bill Nighy, Eddie Izzard, Terence Stamp, Jamie Parker, Carice von Houten, Thomas Kretschmann, Christian Berkel u.a.
Wer in diesen Tagen beobachtet, wie Amerika einen Helden inszeniert, der muss zu dem Schluss kommen, dass dieses Land für einen wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht wirklich Begeisterung aufbringen kann. Da führt kein optimismusstrotzendes „Yes, we can” dem Freiheitskämpfer die Hand mit den zwei abgerissenen Fingern. Da fordert nur ein von Pflicht- und Ehrbewusstsein durchdrungener Soldat nichts weniger als den Umsturz. Trotzdem hat „Operation Walküre” beim Start in den USA 30 Millionen Dollar eingespielt - und damit ein wenig von dem Anspruch eingelöst, den die Fürsprecher des Films formuliert haben: das Deutschlandbild in der Welt nachhaltig zu verbessern. Es gab nicht nur böse Deutsche!
Die Einladung zur Beschäftigung mit deutscher Geschichte („Der Untergang” zum Beispiel) läuft nun seit geraumer Zeit im hiesigen Kino. Als aber bekannt wurde, dass ausgerechnet der amerikanische „X-Men”-Regisseur Bryan Singer und Scientologen-Hauptdarsteller Tom Cruise sich des Stauffenberg-Stoffes annehmen wollten, da klang das für einige fast so bedrohlich, als könnten diese gewieften Script-Doktoren aus Hollywood auch noch deutsche Geschichte umschreiben. Lange, aber erfolglos wurde der Berliner Bendlerblock gegen die Invasion aus Hollywood verteidigt. Wenn „Operation Walküre: Das Stauffenberg Attentat” heute anläuft, wird man sehen, dass dieser Film die historische Stätte ebenso wenig entweiht wie das Andenken an den deutschen Widerstandskämpfer.
Was Bryan Singer an diesem Oberst Graf Schenk von Stauffenberg interessiert, ist der Mann der Tat, nicht das Psychogramm eines Gesinnungswandels. Seine Geschichte beginnt mit der Verschwörung und den Vorbereitungen zum Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Time for Change.
Kein Psychogramm des Gesinnungswandels
Es gibt nicht wenige Momente, in denen Singers Millionen-Produktion mit Weltstars wie Kenneth Branagh und Tom Wilkinson fast wie ein XXL-Remake des TV-Porträts von Jo Baier anmutet. Christopher McQuarriers Drehbuch folgt akkurat der Chronologie des Putsches: die geheimen Treffen der Verschwörer, die Hitlers eigenen Notfallplan, die „Operation Walküre”, in den Masterplan des Umsturzes ummünzen. Ein gespenstisch inszeniertes Treffen auf Hitlers Obersalzberg. Schließlich das Attentat in der Wolfsschanze. Das nervöse Fingern am eingeschmuggelten Sprengsatz, die Aktentasche unter dem schweren Eichentisch, möglichst nah am Platz des Führers. Schweißperlenfeuchte Momente bis zu Stauffenbergs Aufbruchsflucht, die Explosion, Stunden der Hoffnung, in denen wertvolle Zeit vergeht, bis der militärisch-bürokratische Apparat in Berlin den Umsturz in Gang setzt. Die Uhr tickt im Wettlauf mit den Fernsprechgeräten. Und Stauffenberg wartet flehentlich auf ein Wort seiner Frau Nina, gespielt von Carice von Houten, im echten Leben Freundin des deutschen „Stauffenberg” Sebastian Koch. So funktioniert „Operation Walküre” als spannender, gut gebauter und recht faktentreuer Thriller, der auf ein allgemein bekanntes Ziel zusteuert. Wie er das tut, zeigt alle filmischen Finessen, freilich auch einige plakative Vorlieben Hollywoods. Wenn Thomas Kretschmann als Major Ernst Remer seine Bahnen im Schwimmbad zieht, dann durchpflügt er das Wasser über einem gekachelten Hakenkreuz. Später, wenn Remer Joseph Göbbels im Auftrag der Verschwörer festnehmen soll, steckt sich Hitlers Reichspropagandaminister sogar eine Giftkapsel in den Mund, wie wir es eigentlich erst aus „Der Untergang” kennen. Auch solche effektverliebten Freiheiten genehmigt sich der Film und lässt Stauffenbergs Glasauge in forscher Agentenmanier in ein Glas Whiskey plumpsen.
Wer Hitlers Menschwerdung im Kino beigewohnt hat und dabei bemerken konnte, dass eine Figur immer undeutlicher werden kann, je öfter man sie deutet, wird sich vermutlich nicht mal daran stören, dass Stauffenberg hier so geradlinig gezeichnet ist wie ein Super-Agent. So kann Tom Cruise die Rolle spielen, zurückgenommen, mit gedämpftem Pathos, entschlossener Mimik, durchgespanntem Körper, allzeit bereit für den Einsatz für Volk und Frieden, eine deutsche Lichtgestalt und nun ein universaler Held.
Die Mission Imagerettung
Ob seine Mission Imagerettung damit aufgeht, wird sich zeigen. Die Reaktionen in den USA waren verhalten. Und der nächste Nazi-Film folgt schon Ende Februar: die Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller „Der Vorleser”, mit Kate Winslet als KZ-Aufseherin. Für die Rolle bekam sie gerade einen Golden Globe. Amerikas Interesse am „Dritten Reich” wird so schnell nicht abflauen. Deutsche der NS-Zeit verkaufen sich immer noch. Gelegentlich sogar die Guten. (NRZ)
0mitdiskutieren