Ein Gefühl von Fremdheit beim Kinofest Lünen
19.11.2009 | 07:23 Uhr 2009-11-19T07:23:00+0100
Lünen. Zwei Dortmunder Arbeitslose mit zuviel Skrupel, ein 17-Jähriger, gefangen in einem gefährlichen Gespinst aus Erotik und Täuschung, ein dokumentarischer Blick in das US-Militär-Krankenhaus Landstuhl - am 19. November eröffnet das Kinofest Lünen zum 20. Mal. Ein Streifzug durch das Programm.
Die Zeiten ändern sich, auch beim Kinofest Lünen, das heute Abend zum 20. Mal eröffnet wird. Aus dem kuscheligen kleinen Kino der Anfangsjahre ist man inzwischen in ein eher nüchternes Multiplexkino gewechselt. Und der Ansturm der Prominenz, an den sich der Rückblick im Programmheft erinnert, ist auch ein wenig dünner geworden. Was vor allem daran liegt, dass nun im Wettbewerb um den Publikumspreis „Lüdia” vorzugsweise Nachwuchsregisseure und Dokumentarfilme zum Zuge kommen.
Gefährliches Gespinst aus Erotik, Täuschung und Perversion
Lokale Premieren
Das Kinofest endet am 22. November mit der Vorab-Premiere von Fatih Akins „Soul Kitchen". Es gibt Reihen mit Kinderfilmen, Kurz- und mittellangen Filmen. Eine Reihe mit Lünen-Premieren zeigt Arthaus-Filme, die hier bisher nicht zu sehen waren.
Was geblieben ist, das sind immer noch die Entdeckungen, die man auf der Leinwand machen kann. Selbst wenn der betreffende Film nicht einmal für die Kinoleinwand gedacht war. "Ein Schnitzel für Drei", der dieses Jahr außer Konkurrenz das Fest des deutschen Films eröffnet, ist eine WDR-Produktion, die noch auf einen Sendetermin wartet. Manfred Stelzer gelingt hier mit Hilfe seiner Protagonisten Armin Rohde und Ludger Pistor eine äußerst komische Ruhrgebietskomödie um zwei Dortmunder Arbeitslose, die zu viel Gewissen besitzen, um rücksichtslos an das große Geld zu kommen.
Das große Geld wird in diesem Jahr auch in Lünen verteilt, denn Filmstiftung NRW und die Münchner Bavaria loben insgesamt 45 000 Euro für Filme im Wettbewerb aus. Zumindest einen Teil dieses Geldes würde man dabei zwei thematisch verwandten Filmen wünschen, die beide mit jungen Protagonisten Geschichten von märchenhafter Düsternis erzählen. In Wolfgang Fischers "Was du nicht siehst" macht ein 17-Jähriger (Ludwig Trepte) Urlaub mit der Mutter und ihrem neuen Lover in einem Ferienhaus in der Bretagne. Ein geheimnisvolles Geschwisterpaar mit seltsam sadistisch-brutalen Neigungen zieht den jungen Mann schon bald in seinen Bann. Zwischen Swimmingpool und dunstgeschwängerten Wäldern wuchert bald schon ein gefährliches Gespinst aus Erotik, Täuschung und Perversion.
"Heute geht aber auch alles schief”-Komödie
Auch in "Zarte Parasiten" von Christian Becker und Oliver Schwabe spielt der Wald eine wichtige Rolle. Hier hausen Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne), ein junges Pärchen, das sich durchs Leben schlägt, indem es sich bei fremden Leuten einnistet. Berechnung, Eigennutz und eine trotz allem irritierende Anteilnahme zeichnen diese Beziehungen aus. Hänsel und Gretel haben noch zur eigenen Familie zurückgefunden, ihre späten Nachfahren müssen in einer kälter gewordenen Welt parasitäre Bindungen eingehen.
Es ist nicht alles Gold, was in Lünen glänzt, auch nicht, wenn der Titel "Diamantenhochzeit" lautet und von dem Lüner Eigengewächs Michael Kupczyk stammt. Das ist wieder so eine „Heute geht aber auch alles schief”-Komödie, wo der Hochzeitstag durch hanebüchene Umstände aus dem Ruder läuft. Befreites Lachen ist kaum möglich beim Ekelfaktor mancher Szenen. Dann schon lieber die Bilderwut, mit der Norbert Baumgarten in "Mensch Kotschie" die Midlife Crisis eines Architekten (Stefan Kurt) in Szene setzt. Das Funktionale seines Lebens ist ihm plötzlich zuwider, der Perfektionismus seiner Gattin erst recht. Nur bei Kotschie bröckelt die Fassade der Normalität, aber niemand will etwas bemerken.
Blick in das riesige US-Militär-Krankenhaus in Landstuhl
"Der innere Krieg" von Astrid Schult ist einer der beiden herausragenden Dokumentarfilme in der Lüner Konkurrenz: Ein bisher nie gesehener Blick in das riesige US-Militär-Krankenhaus in Landstuhl, wo zerschossene Soldaten-Wracks aus Afghanistan oder dem Irak ankommen. Der andere, "Alias" von Jens Junker, spielt in Castrop-Rauxel und zeigt die Identitätssuche eines 30-jährigen Deutschen, der erkennen muss, dass er im Grunde ein Fremder ist. Er muss bis in den Libanon reisen, um an seine wirklichen Wurzeln zu gelangen.
Entfremdung von der Wirklichkeit, sich selbst fremd fühlen in vertrauter Umgebung: Es ist ein Misstrauen spürbar in einigen der Filme in Lünen. Manchmal ist es eben so, dass ein Thema plötzlich da ist, obwohl es keiner gesucht hat.
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