Das aktuelle Wetter NRW 8°C
Kino

„Große Erwartungen“ - Ein Dickens-Klassiker in neuem Gewand

12.12.2012 | 16:50 Uhr
„Große Erwartungen“ - Ein Dickens-Klassiker in neuem Gewand
Estella (Holliday Grainger) möchte ihre Gefühle zu Pip (Jeremy Irvine) nicht zulassen.Foto: Senator

Essen.  Der Film „Große Erwartungen“ läuft in den Kinos an. Regisseur Mike Newell will auf kaum etwas aus der Vorlage des Romans von Charles Dickens verzichten. Große dramatische Momente des Buches müssen dabei zwangsläufig schrumpfen.

Romane von Charles Dickens sind wie große weite Landschaften, die im Laufe der Handlungsentwicklung mit immer mehr äußerst farbig geschilderten Figuren ausgefüllt werden. Was da so herrlich wuchert, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass die Romane des großen Briten seinerzeit in Fortsetzungen erschienen, dass ihr Autor also durchaus noch in der Lage war, Erzählstränge abzuändern oder hinzuzufügen. „Große Erwartungen“, eines der am höchsten gelobten Werke des Autors, ist gerade deshalb so schwer zu verfilmen, weil selbst die zentrale Figur Pip nicht wirklich als Identifikationsfigur taugt, weil sie sich in der Fülle des kauzigen Personals mehr schlecht als recht behaupten kann.

Werkgerechte Adaption von Lean

Die letzte werkgerechte Adaption fürs Kino stammt von David Lean, gilt als genial im Umgang mit dem Roman-Material, ist aber bereits vor 66 Jahren entstanden. Da ist es kein Wunder, dass sich nun doch noch jemand wieder an eine Neuverfilmung gewagt hat. Mit Mike Newell hat man aus kommerzieller Sicht gewiss keinen schlechten Fang gemacht. Die Filme dieses Regisseurs („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Harry Potter und der Feuerkelch“) zeugen zwar nicht von eigener Handschrift, haben bisher jedoch 1,7 Milliarden Dollar weltweit eingespielt.

Newell ist einer, der sich ganz in den Dienst seines jeweiligen Projektes stellt. Und auch „Große Erwartungen“ ist in weiten Teilen süffiges Kino, wozu auch die Kamera von John Mathieson einiges beiträgt. Schon die Bilder von der verblühten Schönheit des Marschlandes zu Beginn, wo wir den jungen Pip das erste Mal treffen, sorgen bereits für viel Atmosphäre. Hier lebt der Waisenknabe mehr schlecht als recht bei seiner keifenden Schwester (Sally Hawkins) und deren Mann Joe (Jason Flemyng), dessen Freundschaft ihm viel bedeutet.

Zwei Dinge verändern Pips Leben

Zwei Dinge geschehen hier kurz nacheinander, die Pips Leben verändern werden. Zuerst ist da die Begegnung mit einem entflohenen Sträfling (Ralph Fiennes), den er aus Barmherzigkeit mit Essen versorgt, bevor er wieder eingefangen wird. Und dann erreicht seine Pflegeeltern ein Brief der reichen Miss Havisham (Helena Bonham Carter), die für ihre Adoptivtochter Estella einen Spielkameraden sucht. Pip betritt ein spukhaftes Schloss mit einer noch spukhafteren Besitzerin, was er aber wegen der Anwesenheit der hübschen Estella kaum zur Kenntnis nimmt.

Bei Dickens schlägt das Schicksal wahre Purzelbäume. Weshalb es nicht verwunderlich ist, dass der nunmehr erwachsen gewordene Pip (Jeremy Irvine) eines Tages von einem Notar (Robbie Coltrane) aufgesucht wird, der ihm von einer großzügigen Apanage seitens eines unbekannten Gönners unterrichtet, für die er lediglich nach London umziehen müsste. Dort beginnt für den jungen Mann mit großen Erwartungen ein neues Leben, in dem er Estella wiederbegegnen wird.

Manchmal benutzte Newell den ganz dicken Pinsel

So sehr die Handlung sich auch verästelt, der Regisseur will nichts auslassen. Dass der Film dadurch in der zweiten Hälfte mehr und mehr von Hast gekennzeichnet ist, nimmt er in Kauf. Große dramatische Momente des Buches müssen dabei notwendigerweise schrumpfen. Und damit Charaktere sich besser einprägen, benutzt Newell manchmal den ganz dicken Pinsel. Pips Schwester wird lediglich durch ihr Geschimpfe charakterisiert; die Gefühle der traurigen Miss Havisham muss ihre Darstellerin hinter völlig versteinerten Zügen verbergen.

Wo immer in diesen Tagen viele Filme durch Überlänge auffallen, dieser hier ist für seine weitschweifige Handlung mit 128 Minuten deutlich zu kurz.
Wertung: 4 von 5 Sternen

Arnold Hohmann

Kommentare
Funktionen
Aus dem Ressort
Schweighöfer spielt  fiesen Bauunternehmer in "Der Nanny"
Komödie
In der Komödie "Der Nanny" sucht ein aalglatter Bauunternehmer ein neues Kindermädchen für seine Sprösslinge – und findet einen Mann namens Rolf.
Berliner 80er-Jahre - „Tod den Hippies! Es lebe der Punk“
Drama
Das Drama „Tod den Hippies! Es lebe der Punk“ kann in Tom Schilling und Wilson G. Ochsenknecht bekannte Köpfe vorzeigen, überzeugen tut es aber nicht.
Französischer Film - „Zu Ende ist alles erst am Schluss“
Tragikkomödie
In dem französischen Film „Zu Ende ist alles erst am Schluss“ geht es recht turbulent zu, als die Großmutter beschließt, aus dem Altenheim auszubüxen.
Ein Film über Missbrauch und die Kirche
Drama
In „Verfehlung“ bewegt sich die Kirche zwischen der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Filmemacher Gerd Schneider hat selbst Theologie studiert.
Klaus Meine und die anderen Scorpions-Recken
Doku
Die Doku „Scorpions – Forever and a Day“ ist als Werbefilm für die Stadionrockband eine runde Sache. Kritisches stand nicht auf der Liste des...
Fotos und Videos
article
7387194
„Große Erwartungen“ - Ein Dickens-Klassiker in neuem Gewand
„Große Erwartungen“ - Ein Dickens-Klassiker in neuem Gewand
$description$
http://www.derwesten.de/kultur/kino/ein-dickens-klassiker-in-neuem-gewand-id7387194.html
2012-12-12 16:50
Charles Dickens,Kino,Große Erwartungen
Kino