Die Überraschungen der Berlinale-Jury
16.02.2009 | 08:23 Uhr 2009-02-16T08:23:00+0100
Berlin. Es gibt bei der Berlinale Jahr für Jahr das Phänomen des „9-Uhr-Films”. Frühmorgens nämlich zeigt die Festivalleitung als Pressevorführung am liebsten all jene Filme aus entlegenen Ländern, die kein Starpotenzial besitzen.
Die eigentliche „Gala”-Vorführung liegt dann am Nachmittag, wenn noch kein Fernsehsender Prominenz auf dem roten Teppich erwartet. Die Vertreter der Presse schwänzen solche Filme gern. Zum einen, weil der Zeitungsleser sie später mangels Verleih ohnehin nicht sehen kann, zum andern aber auch der eigenen Müdigkeit wegen. Schließlich hat man nicht selten bis gegen Mitternacht in den Kinos gesessen. Die Berlinale-Jury jedoch ist vor diesen äußeren Umständen gefeit, sie sieht viele Filme nicht unter solchen Festivalbedingungen.
Was auch in diesem Jahr wieder verblüfft auf das Ergebnis ihrer Preissuche blicken lässt: Den mit dem Goldenen Bären dekorierten peruanischen Film „La teta asustada” (Die Milch des Leids) von Claudia Llosa dürften nur wenige Kritiker auf ihrer Favoritenliste geführt haben.
Die Milch des Leids
Llosas Film erzählt von einer Gesellschaft, in der Frauen sich alles erlittene Leid von der Seele singen, von dem sie niemals sprechen könnten. So erfährt Fausta erst am Totenbett ihrer Mutter davon, dass jene einst hochschwanger von Mitgliedern einer berüchtigten Terrortruppe vergewaltigt worden war. Damit gibt es endlich auch eine mythische Erklärung für ihr ständiges Nasenbluten und ihre Ohnmachtsanfälle: Fausta hat mit der Muttermilch die „Milch des Leids” in sich aufgesogen. Nun leidet sie als erwachsene Frau unter Angstzuständen und hat sich als Abwehrmittel gegen Eindringlinge eine Kartoffel in die Vagina eingeführt. Ein sperriger Film über Menschen, deren Seelen tief infiziert sind, ein Film, auf dessen düsteres und fremdes Terrain man sich einlassen muss.
Ein anderes Bild vom Iran
Auch sonst ist die Jury unter Vorsitz von Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton (und besetzt u. a. mit Christoph Schlingensief und Henning Mankell) bei ihren Entscheidungen eher abseitige Wege gegangen. So auch beim Silbernen Bären für die beste Regie an Asghar Farhadi, dessen Film „Über Elly” einen Iran zeigt, der so gar nicht geprägt scheint vom islamischen Fundamentalismus. Hier machen Familien Urlaub am Meer, es soll ein geschiedener Mann verkuppelt werden, und es verschwindet plötzlich eine junge Erzieherin spurlos. Das bringt die allgemeine Sorglosigkeit ins Wanken.
Das Wesen des Kinos in "Gigante"
Oder beim „Großen Preis” der Jury an das Regiedebüt „Gigante” von Adrián Biniez aus Uruguay: Das Porträt eines schüchternen Hünen, der im Supermarkt am Überwachungsbildschirm sitzt und für den eine Putzfrau zur Obsession wird. Selten hat ein Film das Wesen des Kinos besser widergespiegelt, als diese Geschichte eines liebevollen Voyeurs. Die Schauspieler-Bären an die wunderbare Birgit Minichmayr (im deutschen Beitrag „Alle Anderen”) oder an den würdevollen Sotigui Kouyaté (in „London River”) beruhigen dann all jene, die in den meisten Entscheidungen dieser Jury vorsätzlichen Favoriten-Kill vermuten.
Fazit
Wer wie in jedem Jahr darüber stöhnt, dass der Wettbewerb der Berlinale diesmal aber besonders mies gewesen sei, der hat wie jedes Jahr natürlich nicht recht. Auffällig ist diesmal jedoch das Fernbleiben großer Hollywood-Produktionen. Die globale Hektik bei der Filmvermarktung zwingt die Verleihe inzwischen offenbar dazu, vor allem Oscar-Favoriten weltweit früher in die Kinos zu drücken als bisher - die Berlinale hat da als PR-Plattform ausgedient.
Dringend korrigieren muss man ein hausgemachtes Problem: Festival-Chef Dieter Kosslick hat aus ein paar „Berlinale Special”-Aufführungen mittlerweile eine Sparte mit 14 Filmen gemacht, die den Wettbewerb zu erdrücken droht. Zumal nun im riesigen Friedrichstadtpalast für „Effi Briest”, „John Rabe” oder „Hilde” zusätzliche Galas mit rotem Teppich gefeiert werden, die von denen am Potsdamer Platz kaum noch zu unterscheiden sind.
- Fotostrecke: Die Berlinale-Gewinner
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