Der Nachhall des Extremismus
02.10.2009 | 07:14 Uhr 2009-10-02T07:14:00+0200
Essen. "Es kommt der Tag”" - Ein Intensives RAF-Drama mit den zwei furiosen Kontrahentinnen Iris Berben und Katharina Schüttler im Mutter-Tochter-Clinch. Die NRW-Premiere unter anderem mit Hauptdarstellerin Berben fand in der Essener Lichtburg statt.
Die „Stille nach dem Schuss” – sie endete im Kino immer noch im Kugelhagel der Ordnungskräfte. Doch der lange Arm der Staatsgewalt, er reicht diesmal nicht bis ins Elsass, wohin sich die einstige RAF-Terroristin Judith Ende der 1970er-Jahre abgesetzt hat. Hier muss eine andere Kraft kommen, um die Frage von Schuld und Verantwortung neu aufzuwerfen. Ein Racheengel namens Alice, der auf das stille Weingut an der deutsch-französischen Weingut einfällt wie die Botin des jüngsten Gerichts.
Deutscher Kinostart: 01.10.2009
Regie: Susanne Schneider
Darsteller: Iris Berben, Katharina Schüttler, Jacques Frantz, Sebastian Urzendowsky u.a.
„Es kommt der Tag” heißt der passende, raunende Titel des intensiven Kinokammerspiels, das Regisseurin Susanne Schneider mit zwei furiosen Kontrahentinnen, Iris Berben und Katharina Schüttler als Mutter und Tochter, eingerichtet hat.
Iris Berbens vibrierende Judith hat sich nach den Tagen des bewaffneten Widerstands in diese beschauliche Winzer-Idylle geflüchtet. Ein Leben mit Mann, zwei pubertierenden Kindern und den großen und kleinen Alltagssorgen. Die Tochter rebelliert, Geldsorgen drücken, und dann ist da noch der Anbau von genmanipuliertem Mais, gegen den die protesterprobte Altlinke angeht. Ein Zeitungsfoto mit Judith als Kopf der Revolte beschwört ungute Vorahnungen. Aber nur ihre in Terrortagen zurückgelassene Tochter Alice erkennt darauf die Frau vom damaligen Fahndungsfoto.
Duell der Generationen
Aus der etwas konstruierten Ausgangslage macht Susanne Schneider in ihrem Regiedebüt ein explosives Duell der Generationen und Haltungen. Alice, die von Judith zur Adoption frei gegeben wurde, was an reale RAF-Schicksale wie das von Felix Ensslin erinnert, bringt die Wahrheit unbarmherzig ans Licht: Den Schuss, die Schuld, die Judith auf sich geladen hat. Vor allem aber offenbart sie ihre eigene Verlassenheit wie eine große, klaffende Wunde, aus der der Schmerz nun in Schüben herausbricht. Judith, die lang verschollene Mutter, soll sich zur Strafe stellen – der Verantwortung, der Familie, der Polizei.
Anders als im „Baader-Meinhof-Komplex” lässt Schneider keine deutsche Geschichte nachspielen. Ihr Thema ist nicht der Mythos, sondern der Übergang von der Vergangenheits- in die Gegenwartsbewältigung. Judith versucht noch, ihre radikalen Ideale von einst zu verteidigen und dabei die Gleichgültigkeit einer Generation zu geißeln, die um nichts mehr kämpft. Doch die Gefühlsextremistin Alice ist unerbittlich in ihrem Rachefuror. Man sieht und spürt die Theater-Tragödin in Katharina Schüttler, mit der Iris Berben so subtil agiert wie lange nicht. Eine Frau, der die Vergangenheit Kerben in die Seele und in die Haut geritzt hat; ungeschminkt, illusionslos und am Ende ausgeliefert in diesem schmerzhaften Kampf der Wörter gegen die Macht des Schweigens.
11:31
furios waren die RAF Leute nie. Sie pamhletierten eine überhebliche Moral, die sie selber nicht mal im Ansatz lebten. Wären sie furios, hätten sie ja noch einen kleinen Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen gehabt, was die Vorraussetzung für Mitgefühl ist. Die RAF Leute warenund sind nicht furios. Sie waren und sind kalt und abstrakt, sich selber überschätzende Leute, die in lähmender Sprachlosigkeit endeten.
Einige von ihnen reden viel und sagen nichts, andere rufen weiter zur Revolution auf, da es in ihrer Schwarz weiß Welt nur Lösungen mit Gewalt gibt.
Die schwerere Tragik liegt bei den Familien der Opfer.Teilweise sind sie daran zerbrochen. Andere haben den Hass,dem sie zum Opfer fielen in bewundernswerter Weise und menschlicher Größe überwunden. Ein Film darüber wäre ebenfalls nicht mit furiosen Darstellern, sondern mit nachdenklich, klugen Darstellern, die Trauer überwinden müssen ohne ebenfalls im Hass zu enden, besser besetzt. Oder ist so was langweilig im Film?
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furios waren die RAF Leute nie. Sie pamhletierten eine überhebliche Moral, die sie selber nicht mal im Ansatz lebten. Wären sie furios, hätten sie ja noch einen kleinen Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen gehabt, was die Vorraussetzung für Mitgefühl ist. Die RAF Leute warenund sind nicht furios. Sie waren und sind kalt und abstrakt, sich selber überschätzende Leute, die in lähmender Sprachlosigkeit endeten.
Einige von ihnen reden viel und sagen nichts, andere rufen weiter zur Revolution auf, da es in ihrer Schwarz weiß Welt nur Lösungen mit Gewalt gibt.
Die schwerere Tragik liegt bei den Familien der Opfer.Teilweise sind sie daran zerbrochen. Andere haben den Hass,dem sie zum Opfer fielen in bewundernswerter Weise und menschlicher Größe überwunden. Ein Film darüber wäre ebenfalls nicht mit furiosen Darstellern, sondern mit nachdenklich, klugen Darstellern, die Trauer überwinden müssen ohne ebenfalls im Hass zu enden, besser besetzt. Oder ist so was langweilig im Film?