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„Das letzte Schweigen“ über Schuld und Sühne

16.08.2010 | 11:56 Uhr
„Das letzte Schweigen“ über Schuld und Sühne
Fimo (Wotan Wilke Möhring) kann nicht vergessen im Film „Das letzte Schweigen“. Foto: NFP (Warner)

Essen.Baran Bo Odars „Das letzte Schweigen“ ist ein aufwühlender Kriminalfilm von einer fürs deutsche Kino seltenen Klasse. Wotan Wilke Möhring spielt einen Mann, der bald erleben muss, dass: Schuld nicht verjährt.

Zwei pädophile Männer hocken in einem Raum, über den Bildschirm des Fernsehers flimmert ein Gewaltporno mit einer Minderjährigen. Danach steigen sie schweigend in ein Auto, auf der Suche nach einem Opfer in dieser ländlichen Gegend. Später wird einer von ihnen, der Hausmeister Peer (Ulrich Thomsen), in einem goldgelben Kornfeld eine Elfjährige vergewaltigen und töten. Der andere, der Student Timo (Wotan Wilke Möhring) bleibt versteinert im Wagen, hilft noch bei der Beseitigung der Leiche und sucht anschließend das Weite.

Man kann über den Film „Das letzte Schweigen” des Schweizer Regisseurs Baran Bo Odar nicht sprechen, ohne diese beinahe hypnotische, brutale Eingangssequenz zu beschreiben. Sie setzt den Ton des Films, in dem sich 23 Jahre später ein nahezu identisches Verbrechen ereignet. Die Polizei rätselt: Ein Serienmörder würde wohl nicht so viel Zeit verstreichen lassen, aber wer hat Interesse daran, den nie aufgeklärten Mord von einst zu kopieren?

Traumatisierte Seelen

Vom Genre her haben wir es hier wohl mit einem Kriminalfilm zu tun, selten genug im deutschen Kino. Doch der Regisseur sieht in dieser Adaption eines Romans des Krimiautors Jan Costin Wagner weit mehr. Für ihn ist es ein Film tief traumatisierter Seelen, denn fast jeder der sorgfältig besetzten Charaktere trägt seine Verletzungen mit sich herum. Das beginnt bei der Mutter des ersten Opfers (Katrin Sass), führt über die Eltern des zweiten toten Mädchens (Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker) und den Polizisten, der den Tod seiner Frau betrauert (Sebastian Blomberg) bis hin zum Mittäter von einst, der jetzt Architekt ist und eine Frau (Claudia Michelsen) und zwei Kinder hat. Selbst den pensionierten Kommissar (Burghart Klaußner) quält noch die Schmach, den Fall nie gelöst zu haben.

Man merkt schon: „Das letzte Schweigen” ist nicht gerade der Film, der einen erfrischt aus dem Kino entlässt. Eher schon einer, der aus seiner deprimierenden Stimmung kein Hehl macht und manchmal in der Kultivierung dieser Atmosphäre vielleicht auch zu viel des Guten tut. Aber wann hat man schon mal einen deutschen Film mit so vielen starken Darstellern, der im Breitwandformat sich an letzte und vorletzte Dinge traut. In dem ein Mord der Hilferuf eines vereinsamten Täters ist, der mit seinem furchtbaren, makabren Leuchtfeuer weitere Menschen seelisch in den Abgrund zerrt.

Wotan Wilke Möhring muss man dabei besonders hervorheben: Wie er diesen Timo spielt, für den die Zeit des Verdrängens nun vorbei ist, dessen auf Vergessen aufbauende Normalität plötzlich bis auf die Grundmauern zu bröckeln beginnt, das ist großes Kino. Auch wenn es am Ende, kaum zu glauben, eine Koproduktion mit dem „Kleinen Fernsehspiel” des ZDF ist.

Arnold Hohmann

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