Daniel Brühl und der Fall Knox in „Die Augen des Engels“

Was wir bereits wissen
Michael Winterbottoms Film „Die Augen des Engels“ ist angelehnt an die Geschichte um den Mordprozess der amerikanischen Studentin Amanda Knox.

Essen.. Der Engel mit den eiskalten Augen – so benannte die italienische Presse die amerikanische Studentin Amanda Knox. Die stand unter Verdacht, zusammen mit einem Freund 2007 in Perugia die Engländerin Meredith Kercher bestialisch ermordet zu haben. Erst vor wenigen Wochen wurde Knox in Italien in letzter Instanz frei gesprochen und insofern ist es ein glückliches Timing, wenn ein Film, in dem es auch um den Mordprozess geht, nun in die deutschen Kinos gelangt. Aber in Michael Winterbottoms „Die Augen des Engels“ geht es nur vordergründig um einen Mordfall und seine Aufklärung, wenn Daniel Brühl als englischer Filmemacher Thomas Lang zu Recherchezwecken – der Film wurde in Siena gedreht – nach Italien kommt.

Schlafmangel und Schreibblockade

Das Sachbuch der amerikanischen Journalistin Simone Ford (immer ein schöner Anblick: Kate Beckinsale) über die Mordaffäre hat ihn zur Reise befeuert, um vor Ort die Hintergründe der Bluttat für einen neuen Filmstoff zu erkunden. Ein Vorschuss dafür wurde ihm schon gewährt, und so arbeitet sich Thomas immer tiefer in den Fall ein. Er lernt die Austauschstudentin Melanie (Cara Delevingne) kennen und den zwielichtigen Francesco (Corrado Invernizzi), der die Tatverdächtigen kannte.

Der Junge aus Barcelona Auch in Pressekreisen wird Thomas gern gesehener Gast, mit Simone geht er gar eine kurze Affäre ein. Doch je tiefer er ins Labyrinth aus Spekulationen, Verdächtigungen und Andeutungen steigt, desto mehr beginnt er zwischen Schlafmangel und Schreibblockade das Vertrauen in sich und sein Projekt zu verlieren.

Der Engländer Michael Winterbottom ist ein Lieblingskind höchster Festivalkreise in Europa. Er ist der Protagonist eines Autorenkinos, das brisante politische Aspekte (1997 „Welcome to Sarajewo“ oder 2006 „The Road to Guantanamo“) ebenso einschließt wie edle Literaturverfilmung („Herzen in Aufruhr“), milieunahe Gesellschaftsdramatik („Wonderland“) oder die Verschmelzung von Sex und BritPop in „9 Songs“. Kultstatus jenseits der Cineastenzirkel erreichten neben der drastischen Pornografie in „9 Songs“ nur der wilde Rave-Reißer „24 Hour Party People“ und der auf einem Roman von Jim Thompson basierende Südstaaten-Krimi „The Killer Inside Me“.

Dantes "Göttliche Komödie" steht Pate

Dass so ein Regisseur nun einen Film vorlegt, in dem ein Regisseur in der Sinnkrise sich in einem Projekt verliert, dass ihn eigentlich nur bedingt interessiert, lässt Spekulationen ins Kraut schießen, dass Winterbottom sich hier selbst reflektiert und ein wenig mit

Federico Fellinis „8 ½“ als Vorbild liebäugelt. Der von Daniel Brühl schön ruppig gespielte Protagonist Thomas könnte aber auch dem Fotografen Thomas in Michelangelo Antonionis Klassiker „Blow up“ nachempfunden sein. Das Spiel mit Schein und Sein, Spekulation und Wahrheit inmitten eines um sich selbst kreiselnden Medienzirkus und dazu ein realer Non-Fiction-Krimi (von Barbie Latza Nadeu) als Vorlage und Dantes „Göttliche Komödie“ als von fern winkender Pate – Winterbottom tastet sich in viele Bereiche vor, bleibt aber im Thriller so vage wie im sich selbst bespiegelnden Charakterkonzept.

Sein Film schickt den Zuschauer in ein Spiegelkabinett, das hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, weil der Regisseur den Zuschauer, aber auch sich selbst auf Distanz hält. Das kann man spannend finden; wahrscheinlich ist das nicht.

Wertung: Drei von fünf Sternen