"Birdman" - Comeback des einstigen Actionhelden Michael Keaton

Steigen in den Ring: Riggan Thomson (Michael Keaton, l.) und Mike Shiner (Edward Norton).
Steigen in den Ring: Riggan Thomson (Michael Keaton, l.) und Mike Shiner (Edward Norton).
Foto: Twentieth Century Fox
Was wir bereits wissen
In "Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" nimmt Regisseur Alejandro González Iñárritu das Hollywoodgeschäft ironisch aufs Korn.

Essen.. Die Oscar-Saison gärt ihrem Höhepunkt entgegen und hierzulande tröpfeln die letzten Filme auf die Leinwände, die in Los Angeles spätestens eine Woche vor Silvester gestartet sein mussten, um im Kampf um den größten amerikanischen Filmpreis mitmischen zu können.

So kommt der deutsche Zuschauer nun in den Genuss der jüngsten Regiearbeit des Mexikaners Alejandro González Iñárritu („Babel“) und wenn es einen Gott des Kinofilms gibt, dann sollte „Birdman“ am 22. Februar angesichts der bestehenden Konkurrenz den Preis für den besten Film des Jahres einstreichen dürfen.

Veränderte Sehgewohnheit

Gleich das erste Bild von Hauptdarsteller Michael Keaton schüttelt Sehgewohnheiten durcheinander. Der Mann hockt in Feinrippunterhose mit dem Rücken zu uns im Schneidersitz und schwebt dabei in der Luft. Tatsächlich verfügt Riggan Thompson gar nicht über Superkräfte, er hat nur mal jemand mit Superkräften gespielt.

Zwanzig Jahre ist es her, da war Riggan einer der größten Filmstars Hollywoods, weil er den Superhelden Birdman auf der Leinwand verkörperte. Nach der zweiten Fortsetzung aber stieg er aus und seither kroch seine Karriere dahin; seine Filme waren nicht schlecht, er selber war es auch nicht, die Leute wollten ihn nur einfach nicht mehr sehen.

Michael Keaton stieg 1989 als Batman zum Superstar auf

Der kundige Kinofan wird nun bereits wissend nicken, denn Michael Keaton stieg 1989 als Batman zum Superstar auf und fiel tief, als er nach nur einer Fortsetzung der Rolle abschwor. Dies wird nicht die letzte ironische Referenz aufs Hollywoodgeschäft sein, tatsächlich wird nicht weniger als das gesamte amerikanische Kulturverständnis vor die Flinte gejagt – und das ist die Story dazu: Ex-Filmstar Riggan Thompson will sich noch einmal beweisen. Er hat sein gesamtes Geld in eine Broadway-Inszenierung gesteckt, wo er unter eigener Regie die Hautrolle in Raymond Carvers Stück „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ (1981) spielt.

Die Oscar-Nominierungen Als der Darsteller für die zweite männliche Rolle ausfällt, holt Riggan den exzentrischen Mike Shiner (Edward Norton) hinzu, auch weil der 48 Stunden vor der Premiere das Stück komplett im Kopf hat. Hinter den Kulissen lassen Riggans drogenkranke Tochter (Emma Stone), seine Ex-Frau (Amy Ryan), seine Lebensgefährtin (Andrea Riseborough) und sein weiblicher Co-Star (Naomi Watts) ihren Neurosen freien Lauf.

Auch Riggan ringt mit Selbstzweifeln, die durch sein alter ego, den Birdman, verschärft werden, weil der auf ein Comeback als Superheld drängt. Und da ist noch Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan), Theaterkritikerin der New York Times, die Riggan wegen seiner Karriere eine vernichtende Kritik ankündigt: „Sie sind kein Schauspieler. Sie sind nur ein Promi.“

Ein Film, über den man ein ganzes Buch verfassen möchte, weil es bei jedem Zuschauen mehr zu entdecken gibt, weil die Schauspieler in superber Selbstironie in ihren Rollen aufgehen, weil eine scheinbar von allen physischen Gesetzmäßigkeiten befreite Kamera in einer einzigen Fahrt Orte und Zeitebenen miteinander verschmilzt, weil das Drehbuch eine Einheit aus Realität und Bewusstseinsfluss schmiedet und ganz nebenbei einige der intelligentesten Dialogsätze des Jahrzehnts bereit hält. Man wird sich am Ende vielleicht fragen, worum es wirklich ging. Ob weniger mehr gewesen wäre. Ganz ehrlich: Von solch einem Film kann es gar nicht genug geben.

Wertung: fünf von fünf Sternen