Alkoholismus und Anarcho-Puzzler auf der Berlinale
19.02.2010 | 10:38 Uhr 2010-02-19T10:38:00+0100
Berlin. Am achten Berlinale-Tag entdecken Männer ihre religiöse Seite und Frauen wollen sich zur Weltmeisterschaft puzzeln. Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ sorgte dagegen kurz vor Abschluss der Filmfestspiele für Unmut im Publikum.
Man ist ja nicht nur Filmfreund, liebe Filmfreunde, sondern bleibt auch Mensch, auch nach acht Tagen Berlinale. Um sich in der schieren Masse der Festivalbesucher nicht gänzlich zu verlieren, richtet man sich seine eigene kleine soziale Nische ein. So wählt man immer wieder den gleichen Platz im Festivalpalast. Weil man mit dieser Störung nicht alleine ist, kann es vorkommen, dass man über Jahre hinter dem gleichen Kollegen sitzt. Der Worte werden dabei nicht viel gewechselt, ein kurzes Nicken am Morgen signalisiert Seelenverwandtschaft in Bezug auf die kleinen Dinge.
Koffeinhaltige Heißgetränke erwirbt man an der immergleichen Café-Bar. Spätestens ab Tag fünf wird man mit einem herzlichen „Bis morgen!“ verabschiedet, zeitgleich ist keine Bestellung mehr erforderlich, weil das freundliche Service-Personal schon weiß, wie man seinen Kaffee haben möchte. Auch unsinnige Diskussionen über Bechergrößen gehören zu diesem Zeitpunkt der Vergangenheit an. Bald heißt es leise Servus seufzen.
Wenn Männer glauben
Noch aber ist nichts entschieden und das Rennen um den Bären für die beste Hauptdarstellerin konnte endlich eröffnet werden. Jasmila Zbanic, Bärengewinnerin 2007 mit ihrem Debütfilm „Esmas Geheimnis“, eröffnete den Wettbewerbstag mit ihrem neuen Film „Na putu“ (On The Path). Ein Beziehungsfilm, der die Geschichte eines vom Krieg gezeichneten Landes in einem Mikrokosmos verdichtet.
Amar verliert aufgrund seines Alkoholismus seinen Job als Fluglotse am Flughafen in Sarajewo. Die Beziehung zu Freundin Luna wird zusätzlich durch beider ungewollte Kinderlosigkeit belastet. Die Probleme verschärfen sich, als Amar eine gut bezahlte Stelle in einer fundamentalistischen muslimischen Gemeinde annimmt und sich mehr und mehr ihren religiösen Regeln unterwirft. Ein Haltloser und Suchender verliert sich zunehmend in einer Gemeinschaft, die Schutz, Ordnung und feste Regeln verspricht.
Regisseurin Zbanic bemüht sich um Verständnis für eine Welt, die nicht die ihre ist. In der Männer Frauen nicht die Hand geben, einen Ganzkörper-Schleier erwarten und den Sex vor der Ehe nach ihrem religiösen Erweckungserlebnis gerne wieder rückgängig machen würden. Verortet in einer Stadt, in der die Auswirkungen des Krieges an jeder Ecke und in jeder Familie allgegenwärtig sind. Wie viel Reglementierung ist Luna bereit für ihre Beziehung hinzunehmen? Oder ist Amar in der Lage, einen Schritt auf seine zunehmend befremdete Freundin zu zugehen? Der Film gibt eine Antwort, diese muss aber nicht endgültig sein.
Regisseurin Zbanic könnte auf direktem Weg zu ihrem zweiten Bären sein.
Geschichte eines verbotenen Films
Mit Spannung war Oskar Roehlers Wettbewerbsbeitrag „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ erwartet worden. Er erzählt die Geschichte des aus Österreich stammenden, mäßig erfolgreichen Schauspielers Ferdinand Marian. Er sollte die Hauptrolle in diesem „ersten wirklich antisemitischen Film“ übernehmen, wie Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch notierte. Zuvor hatten ihm deutsche Filmgrößen wie Emil Jannings, Gustav Gründgens und Paul Dahlke bereits eine Absage erteilt. Keiner wollte sich für diese heikle Rolle hergeben.
Inspiriert war das Drehbuch von Veit Harlan und Eberhard Wolfgang Möller von einer realen Geschichte: der Jude Joseph Süß diente im 18. Jahrhundert als Finanzberater des württembergischen Herzogs Karl Alexander. Er avancierte durch seine geschickte Politik zu einem der einflussreichsten Männer seines Landes, anders als alle sonst weitgehend rechtlosen Juden in Deutschland. Nach dem Tod seines Gönners und Förderers wurde er des Hochverrats angeklagt und im Februar 1738 in Stuttgart hingerichtet.
Auch Ferdinand Marian weigert sich zunächst, die Rolle anzunehmen, kann dem Drängen Joseph Goebbels’ aber nicht dauerhaft widerstehen. Marian erliegt dem Irrtum, er könne die Rolle sympathisch anlegen. Diese fromme Absicht macht sich der NS-Propagandafilm geschickt zunutze, der Erfolg bei den Massen übertrifft alle Erwartungen. Nach einer kurzen Welle des internationalen Erfolgs setzt die Ernüchterung ein. Marians größter Erfolg wird zu seinem Untergang. Nach dem Krieg war der Film von den Alliierten jahrelang verboten. Heute ist in Deutschland eine Aufführung nur mit Genehmigung des Rechteinhabers, begleitendem Kommentar und weiteren Auflagen möglich.
Der Herr Marian, die Frauen und der Alkohol
Das Drehbuch von Klaus Richter, unter Mitwirkung von Oskar Roehler und Franz Novotny, hält sich weitgehend an die historischen Tatsachen. Die an einigen Stellen vorgenommenen Zuspitzungen seien zulässig, da sie die Logik der Geschichte deutlicher machten, so Drehbuchautor Klaus Richter in der Pressekonferenz nach der Präsentation.
Die Darsteller-Riege liest sich wie das „Who is who“ des deutschsprachigen Films. Diese Tatsache alleine muss aber kein Qualitätskriterium sein, wie wir spätestens bei „Henri 4“ schmerzlich erfahren durften. Überraschend ist das teilweise am Rande des Laientheaters Entlang-Spielen des Ensembles dennoch. Moritz Bleibtreu macht als hinkender Goebbels nicht immer eine gute Figur. Bei der Besetzung von Ralf Bauer als Goebbels’ Adlatus Fritz Hippler mag man noch an Ironie glauben, bei einer mit Marian kopulierenden Gudrun Landgrebe als SS-Schergen-Gattin Frau Frohwein im Bombenhagel sicher nicht mehr. Angstvoll aufstöhnendes Lachen des Publikums begleiten diese nicht nur dramaturgisch sinnlose Szene.
Tobias Moretti meistert die Rolle des Ferdinand Marian nicht unelegant und Justus von Dohnanyi als Veit Harlan sieht man gewohnt gerne zu. Oskar Roehler fehlt die Coolness eines Quentin Tarantino oder die Gabe zum echten Klamauk, um diesen Film überzeugend und angemessen umsetzen zu können. Sein „Jud Süß“ bleibt irgendwo dazwischen und wird damit den Erwartungen nicht gerecht.
Auf zum Puzzle-Welt-Cup nach Deutschland
Nach dem deutschen Nazi-Spektakel folgte kleines aber feines Kino aus Argentinien. Natalie Smirnoff präsentierte ihren Debütfilm „Rompecabezas“ („Puzzle“) im Wettbewerb. Nicht nur die Firma Ravensburger dürfte über diesen Film entzückt sein. Häufiger dürfte das Firmenlogo in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr auf der großen Leinwand zu sehen sein.
Zu ihrem 50. Geburtstag bekommt Maria ein Puzzle geschenkt und entdeckt ihr Talent für das Zusammensetzen von in Kleinstteile zerlegten Bildern. Begeistert von ihrer neuen Leidenschaft nimmt sie Kontakt zu älteren Junggesellen auf, der einen neuen Partner zum Wettkampf-Puzzeln sucht. Maria kann ihn mit ihrem anarchischen Stil überzeugen und die beiden kämpfen um zwei Tickets für die Puzzle-Weltmeisterschaften in Deutschland.
Eine Hymne auf ein mechanisches Geduldspiel und die stille Befreiung einer schüchternen Frau. Die Freude und der Ehrgeiz auf dem Gesicht von Hauptdarstellerin Maria Onetto eröffnen dem Zuschauer Einblicke in die Welt eines Nischen-Hobbys, dessen ernsthaft sportiven Charakter man durchaus nachvollziehen kann. Die Auseinandersetzung mit dem Legespiel führt Maria heraus aus ihrer Familie, die ihrem bis dahin nicht gekannten Ehrgeiz mit zunehmendem Misstrauen begegnet. Dass dieses Misstrauen durchaus berechtigt ist, geschenkt. Manko ist die unruhige Handkamera, deren Unschärfe als überflüssiges Stilmittel eingesetzt wird. „Puzzle“ ist nach „If I Want To Whistle, I Whistle“ und „Shahada“ der dritte überzeugende Debütfilm im Wettbewerb.
Und sonst?
Am Freitag laufen die letzten offiziellen Wettbewerbsfilme.
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