Agenten-Schach via Satellit
20.11.2008 | 00:05 Uhr 2008-11-20T00:05:00+0100
Essen. Ridley Scotts Thriller „Der Mann, der niemals lebte” mit Leonardo DiCaprio und Russell Crowe ist eine schillernde Variante der Spionage-Reißers „Spy Games” seines Bruders Tony.
Deutscher Kinostart: 20. November 2008
Regie: Ridley Scott
Darsteller:Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong, Golshiften Farahani, Oscar Isaac u.a.
Es ist einer der ganz großen Klassiker des Agentenfilms: „Der Spion, der aus der Kälte kam” nach John LeCarrés Roman-Bestseller. Seit dem Kalten Krieg hat sich die Welt allerdings um einiges weitergedreht. Die Spionageexperten von einst würden wohl vor Neid erblassen angesichts der hochtechnisierten Überwachungs- und Kommunikationsmöglichkeiten von heute. So wundert es nicht, wenn der CIA-Stratege Ed Hoffman seine Sabotagepläne per Laptop mit sich trägt und mit seinem Mann an vorderster Mordfront im Nahen Osten via Headset Kontakt aufnimmt, während er in Virginia die Tochter zur Schule fährt.
Ed Hoffman ist die aktuelle Version eines Schreibtischtäters, der mit Menschenleben Schach spielt, Kollateralschäden in den eigenen Reihen einkalkuliert und dabei nie seine Karriere aus den Augen verliert. In einem alten Film hätte man ihm ins Gesicht sagen können: Sie sind ein eiskalter Schweinehund. Und mit einem Grinsen wäre zur Antwort gekommen: Richtig.
Roger Ferris hat eine davon nur knapp abweichende Meinung über Hoffman, aber er ist der verdeckte Agent und von Hoffman abhängig, weil jede Form von Ungehorsam unmittelbar tödliche Folgen nach sich ziehen würde. Denn Ferris soll einen Top-Terroristen in Jordanien aufspüren und unschädlich machen.
Der Weg zum Ziel führt über den örtlichen Geheimdienst, an dessen Spitze ein gefährlicher Mann mit Namen Hani (Marc Strong als Orient-Dandy) steht, der um keinen Preis belogen werden will. Die Lüge aber ist Hoffmans zweite Natur und damit der größte Risikofaktor für Ferris, der ausgerechnet seinem Vorgesetzten nicht trauen kann. In Mitteleuropa setzen derweil verheerende Bombenanschläge ein.
Nach einem Roman von David Ignatius hat Ridley Scott mit „Der Mann, der niemals lebte” eine schillernde Variante zu dem Spionagereißer „Spy Game” (2001) seines Bruders Tony inszeniert. Es ist ein geradezu futuristisch anmutendes HighTech-Szenario, in dem von einsamen Blockhütten im amerikanischen Hinterland aus der Weg einzelner Menschen am anderen Ende der Welt auf Schritt und Tritt via Satellit und Aufklärungsdrohne verfolgt werden kann. Wie stets setzt Scott auf eine schicke Optik mit hartem Licht und scharfen Kontrasten, auf harte Gewalteruptionen und auf seine zentralen, hochkarätigen Schauspieler: Leonardo DiCaprio als Roger Ferris ist ganz moderner Amerikaner mit jungenhaftem Grinsen, Sonnenbrille, T-Shirt, Schirmmütze und dynamischem Bewegungsapparat. So ähnlich ist er in „Departed” und „Blood Diamond” aufgetreten; der Wechsel ins harte Fach mit zwiespältigem Charakterbild scheint für DiCaprio beschlossene Sache. Er fühlt sich sichtlich wohl dabei; jedenfalls spielt er sehr befreit. Russell Crowe ist der abgefeimte Bürohengst, der absolut amoralisch handelt und sich ebenfalls als Retter der westlichen Zivilisation sieht. Auch Crowe fühlt sich in seinem Element.
Betrachtet man den Film als Irrgarten der falschen Fährten und zweifelhaften Vertrauensverhältnisse, dann ergibt sich ein immens spannender Thriller mit vorzüglichen, schweißtreibenden Actionszenen. Und doch fiel der Film in Amerika und England durch. Die Helden des Vaterlands stellt man sich dort anders vor.
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