Adam Sandler überzeugt in der Tragikomödie "#Zeitgeist"

Was wir bereits wissen
In dem Film "#Zeitgeist" zeigt Regisseur Jason Reitman ("Juno"), wie nachhaltig die digitale Welt das menschliche Zusammenleben verändert.

Essen.. Vater Don (Adam Sandler) sucht im Internet relativ häufig Pornokanäle auf, um dabei zu masturbieren und so die Spannungen los zu werden, die sich bei ihm in seiner inzwischen nahezu sexfreien Ehe mit Helen (Rosemarie DeWitt) anstauen. Doch Daddy ist ein Waisenknabe im Vergleich zu seinem 15 Jahre alten Sohn Chris (Travis Tope), der derart abhängig geworden ist von immer extremeren Pornoseiten, dass die Realität keine Chance mehr hat gegen die Bilder in seinem Kopf – ein erster Versuch, mit einem Mädchen intim zu werden, scheitert kläglich.

Man merkt sehr schnell und fast zu überdeutlich, wohin die Reise geht in „#Zeitgeist“, dem neuen Film von Erfolgsregisseur Jason Reitman („Thank You For Smoking“, „Juno“). Hier will einer demonstrativ aufzeigen, wohin uns die Fixierung auf Internet, soziale Medien und virtuelle Welten gebracht hat, während unsere mitmenschlichen Beziehungen vor die Hunde gehen. Reitman ist nicht der erste auf diesem Gebiet, schon vor Jahresfrist versuchte sich Alex Rubin mit „Disconnect“ an diesem Thema, im Vergleich um einiges ernster und düsterer, denn in diesem ebenfalls episodisch aufgebauten Film geht es nicht nur um zerstörtes Gefühlsleben, sondern auch um Mobbing und Prostitution im Internet.

Fanatische Mütter

Auch Reitman erweitert bei seiner Verfilmung des Romans „Men, Women & Children“ von Chad Kultgen allmählich sein Personenspektrum. Da gibt es die fanatische Mutter Patricia (Jennifer Garner), die wie besessen jeden Internet-Schritt ihrer Tochter Brandy (Kaitlyn Dever) registriert und auch regelmäßig deren Handy kontrolliert, um nur ja über jeden Schritt ihres Sprösslings informiert zu sein. Welche Konsequenzen das schließlich nach sich zieht, wird sie später merken, wenn die heimliche Beziehung Brandys zu dem verschlossenen Tim (Ansel Elgort) dadurch eine dramatische Wende nimmt.

Auch die gescheiterte Schauspielerin Donna (Judy Geer) ist über die Maßen interessiert am Leben ihrer Tochter Hannah (Olivia Crocicchia), aus der sie so gern einen Hollywood-Star machen möchte. Doch diese Pläne zerplatzen erst einmal, weil die Mutter auf einer Model-Seite im Netz zu offenherzige Fotos der Minderjährigen gepostet hat.

Schließlich sollte man noch die magersüchtige Allison (Elena Kampouris) erwähnen, die im Internet eine Online-Community Gleichgesinnter entdeckt hat, die aber letztendlich doch zunimmt, weil sie in grenzenloser sexueller Naivität schwanger wird. Man weiß eigentlich nie so recht, welchen Charakter dieser Film nun haben soll.

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Vor allem aber wirkt der Film immer seltsam gedämpft und verschwiegen, es gibt auch in prekären Lagen keine wirkliche Wut und Verzweiflung, als sei jede Emotion bereits vom Netz eingesaugt und verschluckt. Das mag noch angehen. Nicht aber, dass Reitman am Ende die Rolle des Anklägers verweigert, um nur noch als der verständnisvolle Tröster bei individuellen Krisen aufzutreten.

Trotz starker Schauspieler-Leistungen (Adam Sandler so gut wie selten) wird der Film deshalb eine gewisse irritierende Betulichkeit nicht los.

Wertung: drei von fünf Sternen