Kino-Drama „Freistatt“: Der Vorhof zur Hölle

Im „Freistatt“-Heim beginnt sein Leidensweg: Wolfgang (Louis Hofmann).
Im „Freistatt“-Heim beginnt sein Leidensweg: Wolfgang (Louis Hofmann).
Foto: Boris Laewen/Salzgeber & Company Medien/dpa
Was wir bereits wissen
Der Film erinnert an die bedrückenden Schicksale früherer Heimkinder und basiert auf dem Sachbuch „Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski.

Essen.. Vor zwei Jahren hat das ZDF mit dem düsteren Film „Und alle haben geschwiegen“ an die Geschichte der Heimkinder in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erinnert. Das Drama basierte auf dem Sachbuch „Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski. Von dem „Spiegel“-Autor hat sich auch Marc Brummund für seinen Film „Freistatt“ inspirieren lassen.

Pate für seinen Kinofilm stand Wolfgang Rosenkötter, ehemaliger Zögling der Diakonie Freistatt im niedersächsischen Kreis Diepholz. Das kirchliche Fürsorgeheim galt als eines der härtesten seiner Art: Die oft unter fadenscheinigen Vorwänden eingelieferten Jugendlichen mussten bis zur Erschöpfung Torf stechen und waren der Willkür ihrer Aufseher ausgeliefert.

Mittelalterliche Bestrafungen

Der Film ist an Originalschauplätzen entstanden. Brummund siedelt die Handlung in den späten Sechzigerjahren an, was die skandalösen Missstände erst recht in grellem Licht erscheinen lässt: Während sich die Republik anschickt, endlich den Muff der tausend Jahre hinter sich zu lassen, herrschen in Freistatt Bedingungen wie in einem Arbeitslager. Wolfgang kommt nach Freistatt, weil sein gewalttätiger Stiefvater (Uwe Bohm) eifersüchtig die innige Beziehung zwischen dem 14-Jährigen und seiner Mutter beenden will. Allerdings kommt der Junge vom Regen in die Traufe: Sehr schnell wird klar, warum die Zöglinge das Heim als „Vorhof zur Hölle“ bezeichnen.

Entschädigung Erbarmungslos machen sich die Aufseher den Gruppendruck zunutze; Wolfgangs Fluchtversuche haben Abendbrotverbot für alle zur Folge, dafür rächt sich die gesamte Gruppe an ihm. Aber weil er sich auch von mittelalterlichen Bestrafungsmethoden nicht brechen lässt, gewinnt er schließlich doch den Respekt der Leidensgenossen.

Namhafte Schauspieler passen vorzüglich zu ihren Rollen

Die Geschichte ist naturgemäß freudlos, aber der Film hervorragend. Brummund hat bislang vor allem fürs Fernsehen gedreht, darunter den sehenswerten ARD-Ostseekrimi „Nord bei Nordwest“. Neben der ausgezeichneten Bildgestaltung durch Judith Kaufmann und der vortrefflichen Musik von Anne Nikitin (Download: colosseum.de) beeindruckt „Freistatt“ vor allem durch die Führung der Darsteller. Bei den namhaften Schauspielern ist das nicht weiter überraschend, zumal sie vorzüglich zu ihren Rollen passen: Alexander Held als schöngeistiger Leiter der Einrichtung, der auch anders kann, Stephan Grossmann als Sadist, der seine Wut hemmungslos an den Jungs auslässt, und Max Riemelt als sanfter Erzieher, der hier völlig fehl am Platz wirkt.

Ganz großartig aber sind die Leistungen der Jugendlichen, aus denen Louis Hofmann in der Hauptrolle herausragt; der mittlerweile 18 Jahre alte junge Mann hat sein enormes Talent schon als Tom Sawyer in den Jugendfilmen von Hermine Huntgeburth bewiesen.