Kevin, Mandy, Chantal – Wenn an Vornamen Vorurteile haften

Kevin mit dem Stinkefinger: Für ein Projekt an der Universität Oldenburg haben angehende Lehrer Vorurteile zu bestimmten Vornamen ins Bild gesetzt.
Kevin mit dem Stinkefinger: Für ein Projekt an der Universität Oldenburg haben angehende Lehrer Vorurteile zu bestimmten Vornamen ins Bild gesetzt.
Foto: Universität Oldenburg, Bild: Lena Bruns
Goethe hatte Unrecht: Namen sind nicht Schall und Rauch. Das sollten sich auch Lehrer bewusst machen. Und Eltern bei der Namenswahl für ihre Kinder.

Essen.. Wenn Kinder ihren Vornamen einem Filmhelden wie einst beim Kino-Hit „Kevin - Allein zu Haus“ verdanken, lässt die kürzlich als Kassenschlager gestartete Schul-Komödie „Fack Ju Göhte 2“ einiges erwarten: Figuren darin heißen Zeki, Charlie oder Chantal. Doch da sollten Eltern auf Namenssuche sich bremsen. Forscher haben jüngst wieder deutlich gemacht, wie stark bestimmte Vornamen mit Vorurteilen behaftet sein können, selbst bei Lehrern.

Sophie, Marie, Mia - die zuletzt beliebtesten Mädchennamen in NRW klingen weich und weiblich und entsprechen einem Trend: Für die meisten Eltern auf Namenssuche soll ein Vorname - auch bei Jungs - in erster Linie „schön klingen“ und „gut zum Nachnamen passen“, hat die Gesellschaft für deutsche Sprache (GdfS) erfragt. Aber sehr oft wollen Eltern bei der Namenswahl inzwischen auch vermeiden, dass ihr Kind durch seinen Vornamen später gehänselt oder „sozial abgestempelt“ wird. Besonders Eltern aus "bildungsfernen" und/oder weniger begüterten Schichten mache dies Sorgen.

Namen als "Marker" für soziale Schicht und Bildungsniveau

Das dürfte eine Folge der 'Kevin-Katastrophe' sein. Seit 1991 war Kevin einer der beliebtesten Jungen-Vornamen in Deutschland – bis in die 2000er Jahre hinein. Kevins jedoch waren vor allem bei Eltern unterer Schichten verbreitet, weniger in der Mittelschicht. Dies machte den Namen Kevin zum Inbegriff des Unterschichten-Jungen; asozial, verhaltensauffällig und aggressiv. Ein Stigma - da kann ein Kevin noch so intelligent sein oder deutlich vor den 1990er Jahren geboren.

"Bis heute ist das so“, hat die Forscherin Prof. Astrid Kaiser von der Universität Oldenburg beobachtet und auf einer Tagung von Forschern in Mainz jüngst berichtet. Je nach Zeitgeist und Namensmode können Vorurteile wechseln, berichtet Kaiser. In jedem Falle gilt: In Vornamen steckt mehr an Bedeutung, als einem vielleicht bewusst ist. „Rufnamen fungieren auch als Marker für soziale Schicht, Bildungsniveau, Region, ethnische Herkunft, Hautfarbe, Konfession, Religion und vieles andere“, hieß es jetzt in der Einladung zur Tagung "Mainzer Namenstagung 2015".

Wenn Lehrer in die "Vorurteils-Falle" tappen

Vorurteile sitzen tief, auch solche, die sich mit Vornamen verbinden. Sie können sogar Schul-Karrieren beeinflussen, nicht nur, weil ihr "Hänselpotential" Mitschüler zum Mobbing verleitet. Studien haben zum Beispiel deutlich gemacht, dass Lehrer Schulaufsätze - unbewusst - eher schlechter bewerten, wenn sie etwa von einem Justin oder von einer Mandy stammen, obwohl die Arbeiten qualitativ gleichwertig waren mit denen eines Jonas und einer Hannah.

Diese „Vorurteils-Falle“ hat die Pädagogik-Professorin Kaiser bereits in den 1970er Jahren „am eigenen Leib erfahren“, als sie noch Hauptschullehrerin war. „Damals fand ich Dennis schlimm“. Als Lehrer-Kolleginnen Kaiser bestätigten, sie hätten ebenfalls Probleme mit Kindern dieses Vornamens, war der Name Dennis für Kaiser endgültig belastet. „Eine Einzelbeobachtung wurde zum allgemeinen Merkmal gemacht“ - und dann als 'Wahrheit' vertreten. Später hat sich Kaiser daran erinnert und begonnen, das Thema zu erforschen.

"Tendenz zur schichtspezifischen Vornamensvergabe"

Angehende Kunstlehrer an der Universität Oldenburg haben diese Vorurteile vor ein paar Jahren für ein Seminar-Projekt ins Bild gesetzt. Das Ergebnis "war zum Teil stark überspitzt, aber erschreckend eindeutig“, sagt Dozent Thomas Robbers. Die Studenten sollten allein auf Basis der zu den Rufnamen kursierenden assoziierten Vorurteile den Typ Kind und dessen Familiensituation als Bild malen. Da zeigt etwa ein Kevin Stinkefinger vor der Dönerbude, schaukelt ein glücklicher Leon lachend vor einem Luxus-Bungalow und hängt eine dickliche Shantal frustiert in einer Hartz IV-Bude vor dem Fernseher herum.

Bei der Gesellschaft für Deutsche Sprache berichtet Mitarbeiterin Frauke Rüdebusch von „einer Tendenz zur schichtspezifischen Vornamenvergabe“ in Deutschland, die zuletzt 2011 durch eine Studie von Ute Utech nachgewiesen wurde. Beispiel: Kinder mit Vornamen Elias oder Noah kommen demnach bis dato zumeist aus besser gestellten sozialen Schichten. So manche französisch klingende Vornamen wiederum sind stärker in unteren Schichten beliebt.

Der Vorname Chantal beispielsweise gehörte noch vor etwa zehn Jahren zu den 50 beliebtesten Mädchenvornamen bundesweit. Heute ist der Name in der Beliebtheit abgestürzt. Der Namensforscher Knud Bielefeld, Betreiber des Portals beliebte-vornamen.de, glaubt, dass der Comedian Mario Barth "nicht ganz unschuldig" daran sei. Von ihm stammte der Satz: "Chantal – was ist denn das für ein Name? Entweder die kommt aus`m Osten oder die macht Pornos."

Ein deutscher Vorname für türkische Kinder? Besser wär' das...

So haben Wissenschaftler beobachtet, dass vor allem Eltern aus bildungsfernen Schichten sich bei der Namenssuche sehr am Fernsehen orientieren; sie wählten für ihre Kinder häufig die Namen ihrer Idole aus Film, Musik oder Sport. Stempelt das den kleinen Lionel (Messi) da womöglich bald zum nächsten Kevin ab? „Wir ordnen vielfach unbewusst Vornamen einer bestimmten sozialen Schicht zu“ - und machen ihre Träger so zum Opfer von Klischees, sagt Astrid Kaiser.

Die GfdS mag Eltern indes nicht von konkreten Namen abraten. Allgemein heißt es dort: „Man sollte immer daran denken, dass das Kind sein ganzes Leben mit dem Vornamen leben muss“, sagt Frauke Rüdebusch. Die GfdS hat vor allem mit exotisch klingenden Namen zu tun und fungiert dabei gegenüber Standesämtern als eine Art Namens-Tüv. Ein Pixi oder Nemo als Vorname, sagt Rüdebusch, „mag für Kinder noch niedlich sein, aber später im Beruf?“ An der TU Berlin kam man vor ein paar Jahren hingegen zu einer Empfehlung für Eltern mit Migrationshintergrund; ausschlaggebend waren Studien, die den Einfluss von Namen auf Schulnoten durch Lehrer untersuchten. Das Fazit dort: „Gerade für sie kann ein deutscher Vorname erwägenswert sein, da Menschen mit ausländischem Namen manchmal Diskriminierungen ausgesetzt sind“. Ein absurder Vorschlag?

Was bedeutet das nun für Lehrer? Sie sollten sich bewusst machen, dass auch sie in dieser Vorurteils-Falle stecken können, rät Astrid Kaiser. „Vorurteile helfen uns, in der Welt klar zu kommen. Sie geben uns ein Ordnungssystem“, erklärt Kaiser, „aber Vorurteile sind auch gefährlich“, mahnt sie. Gerade Lehrer sollten deshalb umso mehr versuchen, „ihre Vorurteile zu reflektieren“.

Und was heißt das für Eltern, die auf Namenssuche sind? Astrid Kaiser empfielt, „sie sollten sich beraten lassen“. Nicht nur in der Familie oder mit Freunden, sondern auch bei anderen Personengruppen, „zum Beispiel bei Lehrern oder Ärzten“. Inspirieren lassen kann man sich auch von den jährlichen Namens-Rankings, meint Kaiser. „Dort sollte man nicht bei den ersten 50 Namen suchen“, meint die Professorin. Besser erst darunter. Doch Obacht: Dann wird man auch wieder auf Kevin stoßen. Aktuell liegt der Vorname laut GfdS so etwa auf Platz 160.