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Literatur

Kein Mord, nirgends – aber Christa Wolf

28.12.2012 | 19:53 Uhr
Kein Mord, nirgends – aber Christa Wolf
Die Schriftstellerin Christa Wolf: Aus ihrem Nachlass ist nun eine neue Erzählung erschienen.Foto: dapd

Essen.  Aus dem Nachlass erschienen: Die große kleine Erzählung „August“. Die Geschichte eines Mannes, der sich an seine Nachkriegs-Jugend in einer „Mottenburg“ erinnert, wie Tuberkulose-Kliniken damals genannt wurden. Sechzig Jahre später ist August Busfahrer – und Held in einem der schönsten Texte von Christa Wolf.

August ist Witwer, Fahrer eines Ausflugsbusses von Prag nach Berlin, in dem sich gern auch mal eine Gruppe quietschvergnügter Rentner austobt. Aber selbst das verhindert nicht, dass August seinen Gedankenblitzen und Erinnerungsbildern nachhängt. Er sieht sich wieder in dem kleinen Flüchtlingsjungen, der er war in der Nachkriegszeit, die Mutter kam ihm auf der Flucht abhanden, der Vater wird vermisst. Er wird aufgenommen in einer „Mottenburg“, wie die Bewohner dieser Klinik für Tuberkulose-Kranke sie nannten. August, das Kind, verguckt sich hier hoffnungslos in die junge Pflegerin Lilo, so wie sich Grundschüler auch gerne mal in ihre Lehrerin verlieben.

August ist ein Alltagsheld in der gleichnamigen Erzählung von Christa Wolf, die nach ihrem Tod im Dezember 2011 nun aus ihrem Nachlass erschienen ist. Zugleich ist dieser August für Christa-Wolf-Leser ein alter, aber flüchtiger Bekannter, eine Randerscheinung aus ihrem großen Roman „Kindheitsmuster“, deren weiteren Lebensweg sie nun mit diesem kleinen Juwel einer Erzählung weiterverfolgt.

Es ist eine Widmung an Gerhard Wolf

Augusts erste, kindlich-verklärte, unerfüllbare Liebe verschränkt sich mit seinen Erinnerungen an die Frau, die dann später ein halbes Leben über an seiner Seite bleiben sollte. Jene verstorbene Frau, die eine Leerstelle in seinem Herzen und viele davon in der gemeinsamen Wohnung hinterlassen hat.

Meldung vom 13.12.2011
Hunderte nahmen Abschied von Christa Wolf

Trauer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, zwischen den Gräbern von Brecht, Anna Seghers und Hegel, Stefan Hermlin und Johannes Rau: Die Trauerrede für Christa Wolf hielt Volker Braun, es kamen auch Günter Grass, Ingo Schulze und Friedrich Schorlemmer, Gregor Gysi und Klaus Wowereit.

Es sind weniger die stillen, vertrauten Bilder dieser Erzählung, es ist ihr Ton von zärtlicher Melancholie, der sie kostbar macht. Christa Wolf erzählt darin, ohne es ausbuchstabieren zu müssen, vom Wert der Geborgenheit, vom Geschenk menschlicher Nähe und echter Wärme, von einer Vertrautheit, die nicht aus Gewöhnung besteht, sondern aus dem rückhaltlosen Vertrauen, im anderen aufgehoben zu sein.

Warum das diesmal bei der mitunter gedankenspröden Erzählerin Wolf so ist, erhellt ein Brief im Anhang dieses Buchs: Es ist eine Widmung an Gerhard Wolf, über ein halbes Jahrhundert lang ihr Gefährte, der die Erzählung zum Geburtstag bekam: „Was soll ich Dir schenken, mein Lieber, wenn nicht ein paar beschriebene Blätter, in die viel Erinnerung eingeflossen ist, aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten.“

Jens Dirksen


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