Jubel für Glogers Fliegenden Holländer in Bayreuth

Fliegende Heuschrecken: Jan Philipp Gloger hat Wagners Oper in die Welt der Ökonomie verlagert.
Fliegende Heuschrecken: Jan Philipp Gloger hat Wagners Oper in die Welt der Ökonomie verlagert.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der Hagener Regisseur Jan Philipp Gloger stellt Wagners Oper "Der Fliegende Holländer" ins globale Datenmeer. Beeindruckendes Bühnenbild, großartige Sänger - das Publikum in Bayreuth feiert die Inszenierung mit lautem Jubel.

Bayreuth.. Die Südwind AG will ausgerechnet den Fliegenden Holländer an Bord holen, um frisches Kapital in ihre Ventilatoren-Fabrik zu pusten. Der ewige Wanderer ist die Oberheuschrecke des globalen Daten- und Wirtschaftsmeeres und hat alles bis zum Überdruss: Geld, Frauen, Diener. Nur Treue findet er nicht, denn in seinem Umfeld wird auch die Liebe zur Ware.

Das Publikum in Bayreuth hat Jan Philipp Glogers Inszenierung des "Fliegenden Holländers", die großartigen Sänger und das bis zum Herzrasen aufregende Dirigat von Christian Thielemann jetzt mit Jubelstürmen gefeiert. Damit bestätigt sich einmal mehr ein Bayreuther Paradox: Gerade die Inszenierungen, die es bei der Premiere schwer haben, entwickeln sich gerne zu Rennern.

Immer wieder entdeckt man Neues

Tatsächlich muss man bei der Interpretation von Gloger und Thielemann mehr als einmal hinschauen und hinhören, um alle Feinheiten würdigen zu können, und immer wieder entdeckt man Neues. Der Hagener Regisseur geht in seiner vielschichtigen Deutung unmittelbar von der Musik aus, mit der Richard Wagner die Geschichte erzählt. Die raumfüllende Datenwand, die Bühnenbildner Christof Hetzer für den ersten Akt gebaut hat, ist ein überwältigendes, geheimnisvolles und sogar angsterregendes Bild von großer Präsenz. Sentas kleine Welt, in der die Ventilatoren geschäftig summen und brummen, stellt nur eine Zelle dieser globalen Datenwand dar. Und das alles schwimmt, schwindelerregend gespiegelt, auf einem nachtschwarzen Ölboden, dem Meer.

Festspiel-Tagebuch Christian Thielemann macht, was sich kaum ein Maestro traut: Er dirigiert den Holländer als romantisches Schauerstück, was genau im Sinne Wagners sein dürfte. So unheimlich pfeift und heult der Wind, knarren die Taue und raunen die Gespenster sonst nie auf einer Opernbühne.

Eigentlich eine sehr bekannte Musik

Es gibt viele starke Momente in der Produktion. Etwa wenn im Holländer-Monolog bei "ew'ge Vernichtung" alle Zahlenkolonnen auf Null drehen. Oder wenn der Matrosenchor langsam ein gigantisches Segel auf die Bühne zieht, das sich dann als Sentas Fabrik entpuppt. Aber am spannendsten ist, dass diese Situationen stets mit dem Dirigat korrespondieren und so neue Schichten der eigentlich sehr bekannten Musik frei legen, die damit neu gehört werden kann.

Pannen-Premiere Gloger legt viel Wert auf eine sensible Personenführung und setzt vor allem den Chor systemtragend ein. Senta ist mit ihrer Realität unzufrieden und schnitzt sich selber ein Bild von einem Mann - und Flügel. Erik wird erfreulich aufgewertet, er ist als Hausmeister die anrührendste Figur, der seine kleinen Träume vom Glück hegt, wo die anderen sich in gigantischen Erlösungsphantasien ergehen. Erik legt Senta vergeblich sein gutes Herz zusammen mit seiner Silikonpistole und seinem leeren Portemonnaie zu Füßen.

Unerfüllbare Projektionen

Das Liebesduett zwischen Senta und dem Holländer wird zum Schattenspiel auf der Drehbühne: Bei den Erwartungen der beiden an ihren Traumpartner handelt es sich um unerfüllbare Projektionen.

Der Bayreuther "Holländer" wird auch in seinem dritten Jahr hervorragend gesungen. Ricarda Merbeth hält als Senta eine spannende Bilanz zwischen Wahn und Liebeswonne im Sopran, und sie kann die lyrischen Passagen wunderschön nachtsamtig schattieren. Samuel Youn ist ein Holländer mit echtem Dämonenbariton, ein gezeichneter, deformierter Mann, der Treue nicht erkennen kann, wenn er sie vor sich hat.

Die Sänger sind hervorragend

Bass Kwangchul Youn bringt als neuer Daland das Schmierige im Charakter des Wirtschaftskapitäns rüber, der sogar bereit ist, seine Tochter zu verkaufen, man versteht ihn aber nicht gut. Der Steuermann ist ein übereifriger Nachwuchsmanager, und Benjamin Bruns singt ihn mit so sensationellem Tenor, dass es eine Freude sein wird, seine Karriere zu verfolgen. Tomislav Muzek als Erik schafft es, den grauen Arbeitskittel mit einer vor Sehnsucht in den schönsten Farben leuchtenden großen Tenorstumme zu koppeln. Der Bayreuther Opernchor lohnt allein schon jede Reise auf den Grünen Hügel.

Am Ende sind Senta und der Holländer vergeblich gestorben, denn die Rädchen im globalen Kapitalmeer drehen sich schneller denn je. Die Südwind AG versilbert den tragischen Liebestod und stellt ihr Geschäftsmodell um: Sie produziert jetzt kitschige Leuchten, die das Paar in ewiger Umarmung vereint zeigen.