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John Cage im Rausch der Opernfetzen

19.08.2012 | 18:51 Uhr
John Cage im Rausch der Opernfetzen
"Europeras 1&2" bei der Ruhrtriennale.Foto: Tim Schulz

Bochum.   Zur Eröffnung der ersten Ruhrtriennale von Heiner Goebbels gab es großen Beifall für John Cages Musiktheater „Europeras 1 & 2“ in Bochum. Eine aufwändige Produktion, für die die Jahrhunderthalle wie gemacht ist. Aber wohin Cages „Negation der Oper“ eigentlich führen soll, bleibt weiter offen.

John Cage, der vor zehn Jahren verstorbene Guru der Avantgarde: Für einige bleibt er die Lichtgestalt mit Erlöserstatus, viele sehen in ihm immer noch die clowneske Mutation eines Scharlatans. Die klaffende Verständnislücke zwischen Insidern und einem breiteren Publikum scheint derzeit in Bochum aufgehoben zu sein. Nicht nur zur Eröffnungspremiere der Ruhrtriennale, sondern auch für die fünf Folgevorstellungen sind Karten für Cages Musiktheater „Europeras 1 & 2“ so rar und begehrt wie Tickets für die Bayreuther Festspiele. Die Presse ist bis hin zu Gazetten aus Paris und New York international vertreten. Heiner Goebbels, der neue Intendant der Ruhrtriennale, in seinem spartenübergreifenden Kunstverständnis durchaus ein Seelenverwandter Cages, setzt in seiner ersten Spielzeit äußerst anspruchsvolle Maßstäbe und scheut keine Risiken. Und das Publikum scheint ihm zu folgen.

Zum zweiten Mal nach der Frankfurter Uraufführung vor 25 Jahren sind die beiden ersten Blöcke aus Cages fünfteiligem Zyklus der „Europeras“ zu sehen. Und zwar aufwändiger und Cages kühnen Visionen noch strenger entgegenkommend als es im Frankfurter Opernhaus möglich war. Hier spielt Goebbels, der sich die Regie nicht aus der Hand nehmen ließ, die Trümpfe der Bochumer Jahrhunderthalle voll aus. Die mit 90 Metern gigantische Tiefe der Spielfläche bietet ideale Voraussetzungen für Cages radikale „Negation der Oper“, die sich als nichts anderes als eine Vivisektion der Oper bei vollem Bewusstsein entpuppt.

Wie ein künstlerischer Pathologe

Nichts ist Cage so zuwider wie eingestanzte, verkrustete und routinierte Strukturen, von denen sich die Geschichte der Oper und der Alltag unseres Kulturbetriebs nicht freisprechen können. Cage stellt damit nicht nur Wagners Vision vom „Gesamtkunstwerk“ auf den Kopf und seziert im ersten Teil eine Auswahl aus 64 Opern des Repertoires der New Yorker Met mit einem scharfen Skalpell, trennt Gesang, Orchesterstimmen, Bühnenbild, Bewegung, Kostüm und Licht minutiös wie ein künstlerischer Pathologe voneinander und setzt das alles in neue, bewusst unlogische Beziehungen, oft simultan und damit nur begrenzt nachvollziehbar. Da tritt der Bariton in einem höfischen Damenkostüm auf, zum Abendsegen aus „Hänsel und Gretel“ leuchtet eine barocke Sonne, die 25 unsichtbar auf den Emporen und in den Seitengängen versteckten Musiker des „Festivalorchesters“ spielen simultan isolierte Orchesterstimmen aus dem Werkkanon. Ein Dirigent stünde hier auf verlorenem Posten. Also sind die Musiker auf sich allein gestellt.

Die Auswahl vieler Fragmente nahm Cage mit Zufallsoperationen aus buddhistischen I-Ging-Orakeln vor, so dass die Positionen der zehn Sänger auf den 64 Spielfeldern der riesigen Bühne, die Kombinationen der 32 von Klaus Grünberg nach realen Vorbildern angefertigten Bühnenbilder und der ebenso vielen von Florence von Gerkan gestalteten Kostüme nicht völlig willkürlich vorgenommen werden können. Einzig bei der Auswahl der Arien und der Lichtregie lässt Cage freie Hand. Eine Dramaturgie, die einen gewaltigen Kraftakt an Material und Präzision erfordert.

Ein fast harmonischer Eindruck

Erstaunlich, dass sich angesichts des disparaten Riesen-Puzzles im Laufe der 90 Minuten ein fast harmonischer, narkotisierender, teilweise gar „kulinarischer“ Eindruck einstellt, was jeder Logik widerspricht. Entsprechend erinnern die Figuren und die ständig unter Einsatz von 25 Assistenten wechselnden Kulissen in der Tiefe des Raums an distanzierte Miniaturen aus einer irrealen Traumsequenz.

Kürzer fasst sich Cage in Teil 2, mit dem sich die ständige Reduzierung der Mittel andeutet, die Cage in den folgenden, bereits mehrfach aufgeführten Teilen 3 bis 5 fortsetzte. Die Figuren geben ihre Distanz auf und präsentieren sich, auf eine kleine Guckkastenbühne gestellt, beinahe hautnah. In schwarze Kostüme gehüllt und vor ein schlichtes Bühnenbild postiert, verharren sie weitgehend in dieser Disposition. Das Prinzip der ständigen Wandlung weicht einer optischen Statik. Vor diesem Hintergrund rückt die Mischung der Arien und Orchesterstimmen in den Vordergrund, die hier anfänglich radikaler klingt als im ersten Teil, im Laufe der 45-mintüigen Performance jedoch ähnlich berauschend wie vor der Pause wirkt.

Großer Beifall für eine große Premiere

Die Perfektion, mit der Goebbels den komplexen Ablauf des Abends steuert und die Umsicht, mit der alle Beteiligten das feingliedrige Räderwerk in Bewegung halten, kann nur als vorbildlich gewürdigt werden. Großer Beifall für eine große Premiere.

Gleichwohl: Offen bleibt, wohin Cages „Negation der Oper“ führen soll. Die verfestigten Strukturen des Opernalltags, auch des zeitgenössischen Musiktheaters, hat er damit nicht aufweichen oder auf neue Gleise lenken können. Letztlich bieten die „Europeras“ Einblicke in ein Opernmuseum, in dem die Schaustücke völlig durcheinandergeraten sind. Reicht das für die Andeutung innovativer Zukunftsperspektiven?

Weitere Aufführungen der „Europeras 1 & 2“ in der Jahrhunderthalle Bochum: am 19., 21., 29. und 31. August sowie am 2. September, jeweils 20 Uhr. Dauer bis etwa 22.45 Uhr. Informationen: www.ruhrtriennale.de

Pedro Obiera

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