Jesus und die Liebesgöttin in Nowosibirsk

Was wir bereits wissen
Jähes Ende einer umstrittenen Oper in Russland: das Nowosibirsker Theater setzt seinen wegen angeblicher Gotteslästerung in die Kritik geratenen "Tannhäuser" ab. Kulturschaffende sind entsetzt.

Moskau.. Es kam, wie es kommen musste. Am Dienstag wurde der umstrittene „Tannhäuser“ vom Spielplan des Nowosibirsker Theaters gestrichen. Wladimir Kechman, gerade erst zum Direktor des Hauses ernannt, erklärte seine Entscheidung: der Regisseur des Singspieles, Timofei Kuljabin, vermeide jedes Treffen mit ihm. Die abgesetzte Oper lobte er für ihre musikalische Qualität.

Allerdings hatte Kechman schon vor seiner Ernennung Front gegen „Tannhäuser“, gemacht: „Das ist eine Demonstration innerer Ehrlosigkeit im Geiste kriegerischer Gottlosigkeit.“ Der amtierende Direktor Mesdritsch sei verpflichtet zurückzutreten, das Stück aber müsse abgesetzt werden.

Der „Tannhäuser“ hatte in Nowosibirsk bereits Silvester 2014 Premiere. Der Titelheld tritt nicht als Sänger, sondern als Kinoregisseur auf, der bei einem Filmfestival einen provokativen Streifen über Jesus Christus präsentiert: Der Heiland ergeht sich recht sündhaft in der Grotte der Venus. Publikum und Kritiker reagierten begeistert. Aber vor allem die nackten Brüste mehrerer Venus-Gespielinnen erbosten den Nowosibirsker Metropoliten Tichon, der Anzeige gegen Regisseur und Theaterdirektor erstattete, „wegen vorsätzlicher Kränkung der Gefühle Gläubiger“.

Kremlsprecher versichert: Keine Zensur

Zwar entschied ein Nowosibirsker Friedensrichter, die Angeklagten hätten diese Gefühle nicht verletzt. Trotzdem protestierten Tausende orthodoxe Aktivisten gegen die Oper. Am Sonntag feuerte dann Kulturminister Wladimir Medinski Mesdritsch und ernannte Kechman zum Nachfolger.

Mesdritsch hatte sich zuvor geweigert, die „beleidigten Gläubigen“ um Verzeihung zu bitten: „Warum soll ich mich bei jemand entschuldigen, der die Oper gar nicht gesehen hat?“ Der Skandal bestätigt nach Ansicht liberaler Beobachter, wie Kirche und Staat einander inzwischen vereinnahmt haben. „Wo früher das Bezirksparteikomitee war, steht jetzt eine Kirche“, zitiert die BBC den Politologen Jewgeni Satanowski.

Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte, Mesdritschs Entlassung habe nicht mit Zensur zu tun. Der Staat habe aber das Recht, von den schöpferischen Kollektiven, die er finanziere, korrekte Aufführungen zu erwarten.

"Das Repertoire untersuchen“"

Magomedsalam Magomedow, stellvertretender Chef der Präsidialverwaltung, erklärte am gleichen Tag, Experten sollten die Aufführungen in den russischen Staatstheatern bewerten, um neue Konflikte zu vermeiden. „Vermutlich muss man das Repertoire auf irgendeiner Etappe untersuchen.“

Beobachter befürchten, der Staat wolle die Kunst gleichschalten wie die Medien. „Die Form muss gar nicht sowjetisch sein“, sagt der Politologe Dmitri Oreschkin. „Man muss die Zensur keineswegs als juristische Form wiedereinführen. Es reicht, den Regisseuren zu verstehen zu geben, ihre Aufführungen könnten schlecht enden, wenn sie sich nicht ,beraten‘ lassen wollen.“