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"Jerk" ist Ungeheuer-liches Theater

03.12.2009 | 07:58 Uhr
"Jerk" ist Ungeheuer-liches Theater

Düsseldorf/Mülheim. Es wird einem nicht oft schlecht im Theater. Noch seltener ist man dann begeistert. Aber Jonathan Capdevielle spielt in "Jerk" beim Theaterfestival Impulse den Komplizen eines Serienkillers so intensiv, dass das überwältigende Bühnenerlebnis jedes Unbehagen wert ist.

Es ist Ungeheuer-lich. Da sitzt ein junger Mann auf einem Stuhl und spielt mit Handpuppen die grausamsten Verbrechen nach, die man sich vorstellen kann. Erzählt von Mord, von unaussprechlicher Folter, und während er erzählt, scheint er seinen Körper den verschiedenen Beteiligten zu leihen. Sein Geist allerdings - und seine ausdruckslosen Augen - scheinen die von David zu bleiben.

Die Geschichte, die er erzählt, ist wahr.

Belegt ist bestimmt nicht jede Nuance, aber David Brooks hat als Teenager in Texas dem Serienkiller Dean Corll geholfen, seine 27 Opfer zu finden. Die Geschichte hat Dennis Cooper in dem Roman “Jerk” nacherzählt, und Regisseurin Gisèle Vienne hat mit Cooper das gleichnamige Theaterstück geformt, das den Fokus auf David richtet. Viennes Produktion ist “Special Guest” beim Theaterfestival Impulse, hat Dienstagabend das Publikum im Düsseldorfer FFT Juta gebannt und ist am Mittwoch, 2. Dezember, um 20 Uhr im Ringlokschuppen in Mülheim zu erleben. Es wird einem nicht oft anders im Theater. Noch seltener ist man dann auch begeistert. Aber die 55 Minuten des Solos “Jerk” sind ein so intensives Erlebnis, dass sie lange nachwirken.

Eine tödliche Geschichte, mit Leben gefüllt

Jonathan Capdevielle liefert in "Jerk" eine überragende schauspielerische Leistung. Fotos: © Mathilde Dare

Jonathan Capdevielle füllt die tödliche Geschichte mit Leben. Er spielt den David, der wiederum mit Puppen die Gräueltaten nachspielt; das ist wohl auch so gewesen, als Therapie, nachdem David gefasst war, und als Studienobjekt vor Psychologiestudenten auftrat. Vienne macht das Publikum zu diesen Studenten. Sie sitzen da, blicken auf Capdevielles David, lesen auf dessen Anweisung Teile der (auf Englisch erzählten) Geschichte in Heftchen nach, und wenn jemand auflacht, weil es absurd wirkt, wie David die Puppe küsst, die den zweiten Teenie-Komplizen Wayne darstellt, verbirgt sich darunter eine Menge Unbehagen.

Wie kann ein Mensch so etwas tun? Wie kommt es, dass manchen Menschen jegliche Hemmungen fehlen, andere zu verletzen, sie bestialisch zu missbrauchen und zu töten? Wie kann sowas jemandem Lust verschaffen? Wie verloren muss der sein, der die Gesellschaft eines solchen Killers sucht?

Überragende schauspielerische Leistung

Beim Verstehen hilft auch “Jerk” nicht, aber Capdevielles umwerfendes Spiel macht die Auseinandersetzung mit diesen Fragen unumgänglich. Er scheint in der Figur zu stecken wie seine Hand in den Puppen, und während das Nachstellen der Verbrechen, der Interaktion der Beteiligten anfangs “nur” gruselig ist, wird es geradezu Furcht erregend, wenn die Puppen zu Boden fallen, Capdevielles Gesicht versteinert wie die geisterblassen Köpfe der Figuren und aus seinem leicht geöffneten Mund verschiedene Stimmen quellen, leiernd, kieksend, brüllend, weinend, während der Speichel zu Boden tropft.

Leichte Kost schmeckt anders. Aber Jonathan Capdevielles überragende Leistung - wie auch Viennes Konzept und Coopers Text - sind es mehr als wert, sich dem Unbehagen auszusetzen.

Monika Idems

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