James Burke und James Ellroy - Zwei Top-Krimis im Überblick

James Ellroy, der Autor von „Perfidia“, ist vor allem für sein L.A.- Quartett aus "Die schwarze Dahlie", "Blutschatten", "Stadt der Teufel" und "White Jazz" bekannt.
James Ellroy, der Autor von „Perfidia“, ist vor allem für sein L.A.- Quartett aus "Die schwarze Dahlie", "Blutschatten", "Stadt der Teufel" und "White Jazz" bekannt.
Foto: David Johnson
Was wir bereits wissen
James Lee Burke beschreibt in „Sturm über New Orleans“ die Folgen von Hurricane Katrina. James Ellroy zeigt in „Perfidia“ Machtkämpfe bei der Polizei.

Essen.. Wumm! Wie zwei Ziegelsteine krachen diese Bücher auf den Kritikertisch. Zwei ältere Großmeister des amerikanischen Thrillers, zuletzt ein wenig in Vergessenheit geraten, lassen ihrem Zorn über die Welt im Allgemeinen und die USA im Besonderen freien Lauf – ohne Rücksicht auf Papierverbrauch: 952 Seiten hat der eine Wälzer, „nur“ 576 der andere!

Krimi James Lee Burke, 77, wurde hier schon für seine „Regengötter“ gelobt, von der Kritikerjury zum „Krimi des Jahres“ gekürt. Sein neu übersetztes Buch von 2007 erscheint nun – wie erfreulich! – beim unabhängigen kleinen Pendragon Verlag.

Es geht um „Katrina“ – den Hurrikan, der im August 2005 die amerikanische Südküste verwüstete und das mythenumwobene New Orleans in einen Abgrund von Zerstörung und Elend, Schlamm und Verbrechen stürzte. Und das ist auch das eigentliche Thema: Dass die Naturgewalten einen totalen Kollaps der sozialen und moralischen Ordnung auslösen, auf die „Gottes eigenes Land“ sich doch so viel zugute hält. Natürlich hat Burke auch einen roten Thriller-Faden gesponnen, mit zwei schlimmen Verbrechen aus jenen Chaostagen, die Deputy Sheriff Dave Robicheaux, im Krimi-Dienst seit 1987, zuverlässig löst.

Ton eines Bußpredigers

Aber die moralische Erbitterung lässt ihn (wie auch seinen Schöpfer) öfters in den Ton eines Bußpredigers verfallen, der das Versagen der Verantwortlichen geißelt, vom „abwesenden“ Präsidenten G. „Double-jU“ Bush bis zum letzten Officer, der mit den Plünderern gemeinsame Sache macht.

Auch James Ellroy, 67, bettet seine Krimistory in ein Katastrophenszenario ein: die Zerstörung der US-Pazifikflotte durch die japanische Luftwaffe in Pearl Harbor im Dezember 1941 und den Eintritt der USA in den Weltkrieg. Im Vordergrund steht aber das legendäre Los Angeles Police Department und seine Mordkommission mit Machtkämpfen um den Chefsessel, politischen Winkelzügen und alltäglicher Korruption; eine kleine Welt, die von Gier und Gewalt, von Alkohol, Drogen und Sex angetrieben wird – ganz so wie die große draußen.

Eine Diashow aus 50.000 Schnappschüssen

Eine unbescholtene japanische Familie in L.A. ist grausam abgeschlachtet worden. Selbsttötung? Ritualmord? Politische Intrige? Wäre es nicht am besten, man würde einen „Japsen“ als Mörder (er)finden? Das meint jedenfalls der Chief. Und das wird uns über 900 Seiten in Atem halten, sofern wir selbst durchhalten. Denn Ellroy erzählt vielschichtig, mischt historische Personen mit erfundenen (auch aus seinen vielen vorigen Büchern) und pflegt – ganz anders als der episch ausholende Burke – einen obsessiven, hektischen Telegrammstil mit Sätzen aus fünf oder sechs Wörtern: eine Diashow aus 50.000 Schnappschüssen! Und kein Erzähler, der uns auf die Sprünge hilft!

An Ellroy scheiden sich nach wie vor die Geister. Zumutung oder Faszination? Das zu entscheiden, gibt es nur eine Möglichkeit: den Lektüre-Selbstversuch. Vielleicht mit etwas mehr Zeit als sonst in den Sommerferien.